War das ein Spaß: über den Schreibwettbewerb zum Thema "Zeit" kam ich mit dieser Kurzgeschichte 

2010 in die Anthologie:

„Hochwälder Geschichten & Gedichte, frisch aus der Feder“ der Stadt + Bücherhüttte Wadern + Verein Kultur am Tor e.V., Nunkirchen.

 

 


Bezug:
Durch einen kurzen Moment schlechten Timings wird eine alte Frau  von ihrer Vergangenheit eingeholt.

 

Danke an Wadern im schönen Saarland für die freundliche Aufnahme.

 

Altersheim St. Schandtat
(Unverdaut & aufgestaut: Erinnerungen einer alten, kleinen Dame)

„Wenn der Antrag heute nicht durchgeht, bin ich morgen nicht mehr am Leben!“, drohte Frau Krause. Sie wunderte sich selbst über ihre Entschlossenheit. Ihr ganzes Leben war sie eher schüchtern. Doch nach den Erlebnissen der letzten Nacht, konnte sie nicht anders, als energisch ihre Ziele zu verfolgen.
„Der Abteilungsleiter von PS 4 muss erst Blatt 2F unterschreiben, dann können wir Ihren Antrag weiterbearbeiten“, entgegnete die Sekretärin unbeeindruckt.
Gedanklich war sie bereits im Feierabend, malte sich aus, wie es jetzt im Park wohl wäre. Vielleicht würde sie einen interessanten Mann kennenlernen – dann müsste sie sich nicht mehr mit ihrem Freund herumschlagen. Die Diskussionen über die Befindlichkeit des Anderen hätten endlich ein Ende. Es müsste doch einen bequemen Weg geben, diese ungelösten Probleme loszuwerden!
„Und wo finde ich diesen Leiter von PS 4?“, hakte Frau Krause nach. Noch vor einem Jahr hätte sie sich das nicht getraut.
Die Sekretärin verstand den Ernst der Lage noch immer nicht: „In Zimmer 128. Aber da werden Sie ihn nicht antreffen. Zur Stunde ist er in einer Besprechung, danach macht er die Budgetplanung und morgen kommt Besuch vom Ministerium. Warten Sie doch besser, bis er unterschreibt. Danach werden wir auf Sie zukommen. Das dauert in der Regel nur 2-3 Arbeitstage.“
Doch Frau Krause war bereits auf dem Weg.

„Herein!“, rief Herr Kühl, der Leiter von PS 4, legte schnell die Zeitung beiseite und gab sich beschäftigt. Doch Frau Krause stand bereits in seinem Büro, direkt vor seinem Schreibtisch.
„Ich verlange ein anderes Zimmer!“, meinte sie fordernd. „Eine zweite Nacht überlebe ich nicht! Sie brauchen nur noch Formular 2F zu unterschreiben, ich bringe es selbst ins Sekretariat“, fuhr sie fort.
Herr Kühl legte Stift und Dokumente beiseite und verstand gar nichts mehr. „Ge-, ge-, gefällt’s Ihnen nicht?“, stotterte er verwundert.
„Nicht gefallen ist gar kein Ausdruck!“, schimpfte sie. „Mitten in der Nacht kommt ein Gespenst, würgt mich halb tot und droht mir: morgen hol’ ich dich! Um es ganz deutlich zu sagen: nein, es gefällt mir nicht!“
Herr Kühl hörte nur mit halbem Ohr hin. Gedanklich war er noch bei seiner Zeitungslektüre.
Seine Ex-Frau ließ sich deswegen von ihm scheiden. Sie meinte, er könne nicht zuhören und interessiere sich nur für seine eigenen Belange. So überlegte er gerade, wohin er seine berufliche Weiterentwicklung lenken könnte. Sollte er ins Versicherungsgewerbe zurückkehren? Würde ihm die Zeit im Altenheim Vorteile für das Immobiliengeschäft verleihen? Oder würde der Heimleiter endlich auf ihn hören und das Heim in die Premiumklasse entwickeln, das zahlungskräftige Gäste anziehen und letztlich auch ihm mehr Gehalt bringen würde? Doch noch rückte der Heimleiter nicht von seinem Posten und Frau Krause beschäftigte ihn mit einer Frage, an der kein Geld zu verdienen war. Er wollte den Fall auf die lange Bank schieben: „Ich gehe mit ihrem Fall zum Heimleiter. Wir prüfen ihren Antrag und geben Ihnen Bescheid.“
Frau Krause hatte genug von der Bürokratie. „Ich gehe selbst zum Heimleiter!“, pfefferte sie ihm hin, machte kehrt und donnerte die Tür hinter sich zu.

„So so, Ihnen gefällt’s nicht“, wunderte sich der Heimleiter mit tiefer, beruhigender Stimme.
„Nicht gefallen ist gar kein Ausdruck!“, empörte sie sich erneut und trug ihre Geschichte vor.
Es tat ihr gut zu reden. Sie wollte jetzt einfach nur reden. Das half ihr, nicht mehr an ihre Probleme denken zu müssen.

Der Heimleiter war ein gutmütiger Mensch. Außerdem war Frau Krause in seinen Augen ein zahlender Gast. Da noch ein Zimmer frei war, griff er zum Telefonhörer, sprach mit Herrn Kühl und schickte Frau Krause in umgekehrter Reihenfolge zurück, um den gewünschten Zimmerwechsel zu arrangieren.
Er plante gerade, den Preis für dieses Zimmer nach einem Umbau etwas anzuheben. Aber er scheute die Auseinandersetzung mit einem verärgerten Gast. Er würde einfach Frau Krauses Zimmer modernisieren und teurer vergeben.

Wortlos holte sie Herrn Kühls Unterschrift, eilte zielstrebig zum Sekretariat, um den versprochenen Zimmerschlüssel abzuholen. Schwungvoll fiel sie auf die Klinke, verlagerte ihr gesamtes Körpergewicht auf Öffnung der Türe – und fand sich an ihr klebend wieder. Alles Rütteln und Fluchen half nichts, die Tür war verschlossen. Ihr Pochen und Schreien verhallte ungehört. Auf dem Hof sah sie den roten Kleinwagen davon fahren, der zur Sekretärin gehörte. Sie war zwei Minuten zu spät.
Die Bilder erloschen in ihren Augen, sie sackte zusammen und blieb liegen.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf ihrem Bett, in ihrem Zimmer. Angestellte mussten sie dorthin gebracht haben, nichtwissend dass sie dort nicht bleiben wollte. Nur das Licht der Hoflaternen erhellte ihr Zimmer notdürftig. Sie hatte also den Rest des Tages verschlafen.
Kalter Wind wehte über den Ort, trug den Glockenschlag der Turmuhr zu ihr. Vier Schläge zur vollen Stunde, danach zählte sie die weiteren. Zehn, elf, zwölf, Stille. Es schlug Mitternacht. Durchs Schlüsselloch schwebte ein leuchtendes Band ins Zimmer. Gebannt starrte sie auf die Erscheinung. Wie auch schon in der vorangegangenen Nacht begann sie zu reden. Die Stimme war wiederum dieselbe und kam ihr irgendwie bekannt vor.
„Hier bin ich also wieder, wie angekündigt“, sprach eine ruhige, männliche Stimme. „Du kennst mich. Wir saßen mal im gleichen Büro, irgendwann früher.“
Frau Krause wurde es bitterlich kalt. Ihr Gesicht wurde fahl und sie fröstelte. Der Schindler, die alte Geschichte! Ausgerechnet diese alte Geschichte sollte ihr wieder begegnen! Für sie war der Fall längst erledigt und vergessen. „Du hattest Angst vor mir“, fuhr er fort. „Doch es gab keinen Grund dafür – überhaupt keinen. Ich äußerte meine Meinungen und Ansichten. Du konntest sie nicht zuordnen, hattest kein Verständnis für Dinge, die außerhalb deines Horizonts passieren. Also hattest du Angst.“
Frau Krause brachte kein Wort heraus. Ihr Mund wurde ganz trocken, sie konnte sich nicht rühren.
Die Stimme ihres alten Kollegen füllte den Raum: „Angst vor mir! Hahaha! Zum ersten Mal hatte jemand Angst vor mir. Und das nur, weil ich meine Meinung äußerte! Eine Meinung, die du nicht verstehen konntest...“
„Ausgerechnet dieser Schindler!“, dachte sie bei sich. Hatte sie es nicht geschickt genug angestellt? Sie hatte doch alles so arrangiert, dass der Chef ihn feuern konnte, ohne dass Verdacht auf sie fällt. Oder liefen sich die beiden später über den Weg?
„Du dachtest, du hättest alles geschickt arrangiert?“, fuhr er fort, während er sich als leuchtendes Band im Raum hin und her bewegte. „Mir Fehler unterschieben, diese dem Chef melden, anonym Unterschriften der Kollegen einholen, die Liste dem Chef zuspielen. Hast du wirklich gedacht, ich merke das nicht? Hast du geglaubt, diese Tat hätte keine Auswirkungen? Du könntest deinen Willen durchsetzen, ohne dass es Konsequenzen hätte? Als wenn du einen Stein ins Wasser wirfst und glaubst, er würde keine Wellen schlagen? Wessen Geistes Kind bist du eigentlich?“
Frau Krause schlackerte nur vor sich hin. Nie im Leben hatte sie an Konsequenzen gedacht. Sie war doch immer so vorsichtig! Sie wollte nur noch weg – sofort! Warum hatte sie denn noch kein anderes Zimmer bekommen? Morgen würde sie sich gehörig beschweren!
„Du meinst, ein anderes Zimmer könnte dir helfen?“, fragte die Stimme ihres früheren Arbeitskollegen. „Das wird dir leider nicht helfen. Ich bin nämlich kein Spuk, also an keinen Ort gebunden. Genau so wenig war übrigens der Schreck über das von dir begangene Mobbing an einen Ort gebunden – er verfolgte mich, wohin ich auch ging.“
Nach kurzer Bedenkzeit fuhr er fort. „Übrigens bin ich nicht alleine gekommen. Gestern hatte ich es ja schon angedeutet: ich bringe etwas mit. Und zwar alle falschen Gerüchte, die du in deinem Leben gestreut hast!“
Schon strömten unzählige Leuchtbänder in den Raum, schwirrten um sie herum. Der Raum war erfüllt von leuchtenden Erscheinungen, sie konnte gar nichts anderes mehr erkennen. Und immer noch strömten neue in den Raum, es hörte gar nicht mehr auf. Sie erschrak sich zu Tode. Sollte sie Verantwortung für ihre Taten übernehmen? Ihre verbleibende Lebenszeit reicht nicht aus, um die Folgen ihrer Taten aus der Welt zu schaffen! Das war zu viel für sie, Atmung und Herzschlag setzten aus.

Es gab ein trauriges Begräbnis. Außer Freunden und Verwandten war auch das halbe Altersheim anwesend. Für viele war es eine Abwechslung in ihrem eintönigen Alltag.
Während Angehörige weinten und tränenschweren Reden lauschten, bemühten sich die Angestellten des Heims Haltung zu bewahren.
Ihre Gedanken waren weit weg von Frau Krause.
Die Sekretärin freute sich, 1-2 Stunden nicht arbeiten zu müssen. Abends würde sie ein Popkonzert besuchen. Der Heimleiter plante Modernisierungen und Umbaumaßnahmen einzelner Zimmer. Herr Kühl überlegte, wie er es anstellen könnte, endlich selbst zum Heimleiter zu werden. Könnte er seinem Chef irgendwelche Fehler nachweisen? Es müsste doch möglich sein, ihm Versäumnisse in die Schuhe zu schieben, ohne dass sich die Spur rückverfolgen lässt. Oder üble Gerüchte zu verbreiten, in denen er sich verfängt. Er bräuchte nur vorsichtig genug sein.

Niemand würde ihn verdächtigen. Das Problem würde sich wie von selbst lösen.