Independent 4.0      (ein Debattenbeitrag)

Kapitalismus hin oder her – er hat gute Seiten, er hat schlechte Seiten, man kann ihm ohnehin nicht entkommen. Generationen haben sich abgemüht ihn zu kritisieren, bekämpfen, abzuschaffen, ...
    Welchen Sinn macht aber ein Kampf, den man nicht gewinnen kann? Ist es nicht sinnvoller sich eine eigene Welt zu schaffen und darin einzurichten?
Genau das scheinen (junge) Generationen zu machen – und die Voraussetzungen dazu sind besser denn je.

Lange genug konnten Großfirmen ihre Marktmacht ausspielen. Gute Zutaten reduzieren, durch billige ersetzen; die Lebensdauer von Geräten konstruktiv verringern; die Produktion in Billiglohnländer verlagern. Durch unser Kaufverhalten stützen wir diese Vorgehen, sehen keine Alternative. Manch einer mag sich dadurch hilflos, gar ohnmächtig fühlen. Doch immer öfter gibt es Menschen, die einen anderen Weg beschreiten – sei es aus Idealismus, Überzeugung, oder durch die Notwendigkeit geschäftlichen Überlebens. Eine wachsende Zahl an Menschen schenkt ihnen bzw. ihren Produkten Beachtung. Lokale Produkte usw. finden sich immer öfter in den Läden oder werden in Restaurants serviert etc.
Doch Augen auf: auch Großfirmen haben den Trend entdeckt, verkaufen Massenware als „regional“, evtl. anders verpackt und etwas teurer.

„Das Kapital“ hat die Herausforderung angenommen. Immer neue Leistungsanreize werden geschaffen, durch geschicktes und vernetztes Marketing ins Bewusstsein der Leute gebracht. Beispiele:
Autos werden größer, luxuriöser –  und zum Ausdruck von Status und Geschmack
TV-Sendungen werben Nachwuchs an Models und Popstars. Jugendlichen wird dieser Weg somit als erstrebenswert verkauft. Wer eine Runde weiterkommt „darf“ sich z.B. in der Stretchlimousine fahren lassen ...

Interessant zu sehen ist in diesem Zusammenhang, dass zu Beginn des Jahrtausends vielen Autobauern, wie der gesamten dt. Industrie, eine schwere Zeit vorhergesagt wurde.
Und dass alle großen Musikverlage mehr oder weniger vor dem Aus standen, verursacht durch die Möglichkeit des digitalen Kopierens.
Gehalten haben sich kleine und spezialisierte Musikverlage – die Musiker oft mehr nach Bauchgefühl denn nach Marktanalysen vertreiben.
Viele Internet-Plattformen vertreiben die Schöpfungen unabhängiger Akteure (Dawanda, Soundcloud, KDP, uvm.). Auch wenn es schwer wird im ganzen Angebot beachtet zu werden – für Unabhängige war es nie leichter ihre Werke anzubieten.

„Die Industrie“ (v.a. der Maschinenbau) hat sich mit den digitalen und technologischen Fortschritten längst arrangiert und zu neuer Stärke gefunden. Stimmten Politiker und Forscher in den Neunzigern einen Abgesang an, ist sie nun (zumindest in Deutschland) eine der wichtigsten volkswirtschaftichen Stützen. „Industrie 4.0“ nennen sie die neue Zeit stolz.

Bio-Produkte, langlebige Waschmaschinen, Qualitätsprodukte, „langweilige“ Autos – sie behaupten sich auf dem Markt, gestützt durch unser Konsumentenverhalten. Die Vielschichtigkeit ist also vorhanden. Doch wer ist schon stolz auf ein nonkonformes Konsumverhalten?

Aggressiv beworben werden zum einen Sparfüchse / Geizhälse, zum anderen Leute mit Statusdenken. Junge Leute sehen sich sich zu Entscheidungen gezwungen – beeinflusst von Peer-Group und Elternhaus bzw. dessen Prägung.

Nonkonformisten haben (wieder) einen schweren Stand. Der Anpassungsdruck ist hoch, gerade auf junge Menschen, durch die Medien munter beflügelt. Smartphone, Musik, Auto, Mode – der richtige Lifestyle ist teuer. Die Independent-Kultur der Achtziger und Neunziger ist Nostalgie für alte Leute.
Dabei tun sich vor unseren Augen fantastische Möglichkeiten auf. Nie war es leichter Werke und Informationen aus alternativen Quellen zu beziehen oder selbst zu vertreiben. Ist die Zeit reif für „Independent 4.0“? Die größte Hürde ist wohl sich zum Nonkonformismus zu bekennen.

„Independent 4.0“ heißt auch dass jeder gleich bedeutend ist. Solange Einzelne sich abheben wollen, durch Kleidung, Wohnsituation oder, sehr beliebt, das Auto, solange kann ein Miteinander nicht gedeihen.
Auch Dominanz ist fehl am Platz. Wer „Independent-Kultur“ fördern will, indem er eine Gruppe führen, und womöglich Einzelne ausschließen will, verwickelt sich in einen Widerspruch. Nur wenn die Meinungen von allen gehört werden, kann auf demokratische Weise etwas Neues entstehen; nur so lassen sich möglichst Viele motivieren und Ziele dauerhaft erreichen.
Man braucht nur ein Festival oder Konzert aus dem Independent-Bereich zu besuchen und merkt bald: die Musiker sind keine Stars. Es gibt „Akteure“ und „Unterstützer“. Die „Akteure“, also Musiker, brauchen ihr Publikum. Nach dem Konzert mischen sie sich meist unters Volk, beantworten Fragen, hören sich Feedback an. Sie halten sich nicht für wichtiger oder bedeutenderr; machen ihre Musik nicht in der Absicht viel Geld zu verdienen, sondern um die Musik zu machen die ihnen und dem Publikum gefällt.

Diese Motiviation zu verstehen ist ganz wesentlich. Sie macht die Akteure im wahrsten Sinne „unabhängig“. Keine Marktanalyse kann sie davon abhalten.
    Ohne den engagierten Einsatz vieler Leute, egal aus welcher Motivation, gäbe es heute weniger lokale Produkte, biologisch und sozial verantwortlich hergestellte Produkte.

Es geht nicht um einen Systemwechsel in Wirtschaft und Politik. So sehr sich das viele wünschen, so hoch gegriffen ist das Ziel. Wir dürfen nicht vergessen dass „Die Industrie“ unseren Lebensstandard erst geschaffen hat und heute noch sichert. Ausreichend Nahrung, Wohnraum und viele „Luxusgüter“ (Fahrzeuge, Transport, Hygiene, Kleidung, Unterhaltungselektronik) werden dadurch erst zugänglich.
    Worum es geht ist eine Demokratisierung der Mächte. Marketing-Spezialisten wollen uns in Profile stecken und gezielt umwerben. Das lässt sich wohl kaum ändern.
Wer sich über sich selbst im klaren ist, weiß was er kann, will und braucht – auch was er nicht kann, will und braucht – wird für Werbung und Beeinflussung weniger anfällig.
Sehen wir mal genauer hin: es gibt Menschen ohne iPhone/Smartphone, ohne Ahnung über die neuesten Food-Trends, Markenklamotten, Pop-Sternchen, Sommergetränke, Autotrends etc. Sie wollen meist nicht mitschwimmen, und haben dafür einen anderen Luxus: eine eigene Meinung.
„Independent“ ist mehr als eine altbackene Musikrichtung. Es ist eine selbst-bewusste Lebensart, für die es keine Schablone gibt.

Die Zeiten einseitiger Marktmacht scheinen endgültig und dauerhaft vorbei zu sein. Machen wir uns bewusst wie jede Kaufentscheidung, jeder kulturelle Besuch, jedes positive Feedback an die „Akteure“ die Welt ein kleines Stück verändern kann.

Die Welt wird vielseitiger und demokratischer. Jeder kann für sich herausfinden was ihm zusagt, braucht sich vor niemandem zu rechtfertigen, solange moralische Werte nicht verletzt werden.
Vielleicht stößt man auf Kritik und Unverständnis. Doch solange man Mitmenschen und Umwelt rücksichtsvoll behandelt und moralische Werte einhält, wird Kritik schnell zum Ausdruck von Neid.
Werden wir uns unserer Gestaltungsmöglichkeiten bewusst. Sie sind vielfältiger und einfacher denn je.