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„Die stille Zeit“ ; Dezember in Bayern ; eine Collage
Dezember 2017


Mit norwegischer Musik im Auto (Apoptygma Berzerk), elektronisch und eher düster, fahre ich durchs Erdinger Moos in meine Arbeit. Endlich habe ich Zeit und Muße, etwas genauer auf Texte und Arrangements zu achten. Draußen ist es blau und dunkel, Lichtstimmungen wie in Norwegen, es will nicht so richtig hell werden.

Die beiden Ladies an der Tankstelle (ca. Mutter und Tochter) bewegen sich grazil, fast lautlos, sind freundlich ohne viel oder gar laut zu reden. Als wollten sie die Stille des blauen Lichts nicht stören.

Im Moos wird es ruhiger, weniger Autos fahren durch.
Tiersichtungen:
- diverse Greifvögel, die aufgeplustert auf Schildern oder Stangen sitzen (leicht eingeschneit, aber das perlt an den Federn ab)
- 6 Silberreiher in kreisendem Flug über einem Weiher
- 1 Graureiher, sitzt auf der Straße, grau auf grauem Asphalt, flattert auf und fliegt ein paar Meter über die Wiese
- 2 Fasane, laufen über die Straße
- 1 Graureiher, flattert im Bach auf, nachdem ich spaziere, gewinnt über dem Wasser an Höhe und verschwindet übers Feld

 

Ismaning
Die Krautfelder reichen bis ins Ortsgebiet, treffen erst danach auf Glaspaläste des Gewerbegebiets, in denen viele Softwarefirmen residieren. Um diese Uhrzeit ist in ihnen auch nicht viel mehr los als dezentes Licht im Eingangsbereich.

Am Getränkemarkt -es ist immer noch nicht hell- bleibt die Schiebetür zu, ein Angestellter öffnet sie per Knopfdruck. „Die Gesichtserkennung meint ich müsse draußen bleiben“, meine ich. Gutgelaunt tauschen sie unaufgefordert meine volle Leergut-Bier-Kiste gegen eine leere, damit ich wieder ein „Durcheinander“ zusammenstellen kann. Überraschung: ein lokales „Outsider-Bier“ (aus regionalen Zutaten), mit ausgesprochen hässlichem Etikett, hat der Kassierer neulich probiert, und war sehr angenehm überrascht. Um diese Uhrzeit bin ich der einzige Kunde im Laden, habe also meine Ruhe.

Meinen Kulturschock bekomme ich auf dem Parkplatz vor einem Discounter, Drogeriemarkt, neben der Bäckerei. Eine Steige aus Plastik im Dornbusch, dort noch eine Kiste, überall Haufen von Abfall, alles vom letzten Wind gleichmäßig verteilt. Ausgeleerte Aschenbecher kann ich nicht erkennen – klar: Zigaretten wirft man heutzutage asozial und noch brennend auf die Straße, anderen direkt vor die Nase.
    Da ich zu früh bin, spaziere ich die Straße auf und ab. Vielleicht kann ich die Gänse anschauen? Nein, sie sind weg – im Stall vielleicht, oder in der Tiefkühltruhe? Die kahle Hecke ist voll mit Tüten, leeren Flaschen und jeder Menge Pappbechern vom Fast-Food-Schuppen. Lebe ich in einer großen Müllkippe, in der sich zwar jeder wichtig machen will, nur noch über Business redet, und den letzten Funken Anstand und Moral über Bord wirft? Irgendwann entfacht das noch einen Sturm in mir ...


Sturm über München
Am 14.12. ist der Sturm tatsächlich da (zur Abwechslung fahre ich mit der S-Bahn). Unheimlich war es zuvor schon. Abgestürzte Pizzahälfte auf dem Bahnsteig, müde und ausgelaugte Leute ... Blitze im Wolkenhimmel, nur ein Flackern, ohne Donner.
    Auf meinem Fußweg zum Büro kommt die Apokalypse vorbei. Reklameschilder fliegen vorbei, der Wind pfeift ungemütlich, weitere Blitze zucken, eine Alarmanlage tönt über die Straße, der Arm eines Krans trudelt unkontrolliert nach links und rechts, Sturzregen erwischt mich kurz bevor ich die Fertigungshalle und die Frühschicht erreiche. Alles wirkt apokalyptisch.
Dann geht es über in einen Schneesturm. Richtig hell wird es an diesem Tag nicht.


Skifahren
Mit norwegischer Musik fahre ich los, bei Plusgraden, ohne Eis zu kratzen oder Schnee fegen zu müssen – völlig ungewohnt. Deshalb bin ich früher dran als sonst.
Tiersichtung:
Zwischen Holzkirchen und Bad Tölz, alleine auf der Landstraße, sehe ich etwas Graues sich bewegen. Ich bremse zu spät. „Es“ weicht aus, auf die andere Straßenseite, schaut mir beim fahren zu: ein Fuchs.

Auf der Piste ist es warm (0-1°C) und trüb, Wolke und Nebel/Dampf hängen im Berg.

Erst am 24.12., am 9 Uhr, wird es hell und ich sehe die Sonne – während ich das hier zusammenfasse. Die „Blauen Wochen“ sind durch. Vielleicht kommt davon der Ausdruck „Stille Zeit“ – oder lässt sich daran in unsere Zeit übertragen?

 

Autobahn
Auf dem Heimweg von der Arbeit, auf der A99, ist es nicht mehr so ruhig. Raser, Drängler, Schleicher, Extraschlaue (die in kurzer Zeit, meist ohne zu blinkern, sich von der linken Spur bis nach rechts in die Ausfahrt werfen (was ich als „Geschnittener“ mit Hupe und Lichthupe quittiere)). Brennende Zigaretten, von Ignoranten direkt vor mein Auto geworfen (was ich mit Hupe und Lichthupe quittiere). Der übliche Wahnsinn.

Blaulicht bringt Abwechslung. Polizisten besuchen Lastwagenfahrer, die Notfallbuchten zum übernachten nutzen. Es ist Montag, heute wird aufgeräumt. Die Beamten mögen es nicht, wenn „ihre“ Autobahn zweckentfremdet wird, heute greifen sie durch.
Am Freitag, Schneeschauer war ausgebrochen, waren alle (!) Notfallbuchten voll mit parkenden LKW. Was mich verwundert hatte – aber mit den Fahrern tauschen wollte ich nicht.
Bayern ist heute Durchgangsland. Ein bisschen stille Zeit, fern der Heimat, gönne ich jedem; egal wann und wo.
Die „Stille Zeit“ soll nicht nur Folklore sein ...

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Bilder des Tages gestern, Dezember 2017

l.o.: "Rauchzeichen"

r.o.+l.u.: "Flugverkehr"

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Sommer in der Vorstadt

Notizen von Juli+August 2017


Offen jede Tür und jedes Fenster. So lange es lauwarm ist, will jeder lüften. Kein Radio und kein Hund wagt die Ruhe zu stören. Leute sitzen auf ihren Terrassen, rauchend, kaffeetrinkend, genießen die Morgensonne. Niemand sagt ein Wort oder erzählt anderen von seinen Meinungen, die Ruhe ist mit Händen zu greifen. Selbst Auftofahrer, auf ihrem unvermeidlichen Arbeitsweg, vermeiden sportliche Manöver.

Abends, vor dem Getränkemarkt:
Ich öffne meine Autotür, schließe sie wieder, eine Radfahrerin kommt vorbei. Sie lächelt freundlich, mit strahlenden Augen, fährt langsam vorbei, alles ist gut. „Dobro, dobro“, meint sie, mit ruhiger und angenehmer Stimme.

Am nächsten Morgen
Um sechs Uhr öffne ich die Balkontür, zum lüften. Schon fängt Blasmusik an, irgendwo da unten.
Vielleicht ein Ständchen, oder ein Abholungs-Kommittee, zur Hochzeit oder einem runden Geburtstag? Immerhin verzichten sie auf die Salutschüsse ...

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When desaster strikes
Ausflug in die Danger-Zone

München, 21.10.2017


Wir gehen ja nicht oft in die Stadt zum einkaufen. Aber wenn, dann ist es was Besonderes.
Nichtsahnend fahren wir in die Stadt, mit dem Auto zum Rosenheimer Platz. Zivile Einsatzwagen kreuzen unseren Weg, schwarze Autos mit Blaulicht jagen die Straßen entlang, in der Vorstadt schon, mindestens 10 Fahrzeuge in Alarm-Modus.
Am Rosenheimer Platz: mind. 5 Streifenwagen und mind. 5 Krankenwagen, der S-Bahnhof sieht gesperrt aus. Was ist denn hier los?
Im Hilton-Parkhaus wollen wir nach draußen. Der übliche Ausgang zur Unterführung, S-Bahnhof und Aufgang zum Gasteig-Kulturzentrum ist gesperrt, das Rolltor ist zu. Durchs Hotel rausgehen? Negativ: das Hotel wird renoviert und ist verwaist. Also wieder rausfahren, kostet 1,50 EUR. Ein Parkhaus weiter. Zu Fuß in die Stadt. Überall sind Polizeiautos, stehen, patrouillieren oder jagen mit Blaulicht und Sirene durch die Straßen. Es wirkt als wäre ein „Killer on the loose“.
Am Marienplatz stehen die Zeugen Jehovas, verteilen Gratismagazine. Deren (ironischer) Titel: „When desaster strikes“.

Wir erledigen unsere Geschäfte (also: Shopping etc.). Der Marienplatz ist voller Touristen, um 11:00 beginnt das Glockenspiel. Aus dem Rathausturm bimmelt es. Dann raunt ein großes „Oh!“ über den Platz, aus dreihundert Kehlen gleichzeitig. Diese Energie, die auf einen Schlag frei wird, überrascht uns. Das reine Gebimmel ist zuende, soeben hat sich die erste Reihe der Figuren begonnen im Kreis zu drehen.
„Im Tal“, der Straße zwischen Marienplatz und Isartor, sitzen immer Obdachlose – zwei, drei. Ein paar Münzen habe ich immer für sie übrig. Heute sind es zehn von ihnen. Wo kommen die auf einmal her? Hat sich die Not bei uns ausgebreitet, oder sind sie zugereist? Einige sehen mir wirklich nach Bettelmafia aus, zur Touristensaison hergebracht o.ä. Heute gebe ich nur zweien etwas, die sich hier eingerichtet haben und „heimisch“ aussehen.
Ich habe, mit meinen Steuern, die Schulder anderer Länder bezahlt – kommen jetzt ihre Bettler zu uns, weil dort keiner mehr Geld hat? Kann ich bei der Verwendung meiner Steuern nicht mitbestimmen? Gerne unterstütze ich soziale Belange, nicht aber die Finanz-“Elite“ ...
Unbekümmert laufen wir zurück in die „Danger Zone“. Im Asia-Markt sehen wir die Sperrung am Rosenheimer Platz und das Aufgebot an Polizei und Sanitätern. Die Kassiererin weiß was los ist: ein Messerstecher hat vier Leute verletzt und ist noch nicht gefasst. Ripper on the loose. Wir nichtsahnend mittendrin. Das Fernsehen taucht auf und macht Aufnahmen. Wir fahren mit dem Auto los, Der Fernsehfritze filmt passierende Fahrzeuge, so auch uns. Wir klappen die Sonnenblende runter, halten uns nicht für interessant genug. Er stoppt und nimmt die Kamera ab.

Zuhause drehe ich am Radio. Auf Bayern 2, der Literatursendund „Diwan“, werden alle vorgestellten Bücher nur verrissen. Gibt es heute nur Negatives? 
Ich bestaune und lese meinen roten Langkornreis aus dem Asia-Markt. Was ich mit ihm machen soll? „Furunkel, für weitere 10 Minuten kochen“. Die Qualitäts-Übersetzung: das spanische „furuncoulas“ heißt auf holländisch „koek“, auf englisch „boil“, auf deutsch „furunkel“ (also: aufkochen). Alles klar?

Morgen bleiben wir zuhause. So viel Aufregung packen wir nicht jeden Tag ...

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Revisited: 18.11.

Um etwas abzuholen, müssen wir wieder in die Stadt.
Im Tal fehlen viele Bettler, nur die 2-3 üblichen Obdachlosen (für mich persönlich immer noch zu viele, in solch einem reichen Land ...). Der Zusammenhang zwischen Touristen und fremden Bettlern fällt mir einfach auf – jetzt, wo beide fast fehlen.

Wir holen unseren Koffer aus der Reparatur. Wer interessiert sich sonst noch für Koffer? Richtig: Chinesen. Zum etwa fünften Mal sehen wir sie nach Koffern schauen.
Bei der Gelegenheit noch schön Luxusshopping. Vor dem Müller stehen: chin. Touristen, die Männer. Sie rauchen zusammen. Und schauen ins Schaufenster. Auch in diesem Laden gibt es: Koffer.
Ihre Frauen sehen wir derweil im Drogeriemarkt. Was sie interessiert:
Schokolade und Parfüm.

Schokolade interessiert mich auch, hier gibt es vielleicht die gute alte aus den neuen Bundesländern. Leider gibt es die Schlager-Süßtafel von Zetti nicht mehr (die heißt wirklich so), dafür Täfelchen von Rotstern (heißt ebenfalls wirklich so), mit Sandmännchen-Motiven.
Das reicht mir an Exotik und Luxus-Shopping.

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