Reisebericht USA 2014, Westküste
(Washington, Oregan, Kalifornien)


„Grüner wird‘s nicht“


Der Flug geht gleich nach Norden. Über die Färöer, Island, Grönland, Kanadas Tundra.
Der „Bling-Bling“ in München interessiert uns nicht – Designschmuck (zollfrei) und überteuerte In-Restaurants, ohne Herz und Geschmack ... ("Weltstadt mit Herz“?)

Auf meinem Bildschirm an Bord läuft „Kamera 1“, eine Live-Cam mit Blick nach unten.
Grönlands Ostküste: Eisschollen auf dunkelblauem Wasser, grüne Inselchen in zerklüfteten Buchten, eine Gletscherzunge zieht sich als lange Piste zum Meer. Dann: Inlandeis. Grönlands Westküste: kleine Eisplatten schippern auf hell-türkisem Wasser.

Kanada besteht im Norden aus Tundra: dunkelgrüne Ebene, mit einzelnen Wasserlöchern, auch mal dunkelgraue Berge mit Schneekuppen. Das ist der Sommer. Eine Stunde nördlich von Vancouver (bei Grande Prairie) beginnen Straßen, Felder, erste Orte.
Vancouver-Airport wurde mehrmals zum schönsten Nordamerikas gekürt. Angelegte Bäche plätschern durch, alles ist sehr entspannt. Die Läden sind auf Blockhütten getrimmt, mit Elchen und Wölfen davor.
Die Einreise in die USA geht schnell und unkompliziert - keine Schlange (!), Smalltalk (u.a. über Fußball), Foto und Fingerabdrücke, die Beamten scherzen nebenher, fertig. (Ja. US-Beamte kommen dafür auf kanadischen Boden).

Mit einem „Buschflugzeug“, einer Dash-8, geht‘s in 30 Minuten nach Seattle. Ein paar Passagiere sehen nach „Holzfäller“ aus: dickes Karohemd, Base-Cap, Vollbart, ungepflegt. Der Pilot rast mit seiner Propellerkiste ungebremst übers Rollfeld - Alaska-Feeling light.
Musikbeschallung am Flughafen: 1. Stubenmusik alpenländischer Art, 2. Singer-Songwriter-Musik.

Jetlagged in Seattle


Auf den ersten Blick ist Seattle eine normale amerikanische Stadt – mit einer Skyline aus Wolkenkratzern, der Space-Needle, Einbahnstraßen im Schachbrettmuster. Auf dem Wasser dümpeln Hausboote und schwimmende Häuser (letztere sind ohne Motor), Wasserflugzeuge starten und landen.
1% aller öffentliche vergebenen Gelder müssen in die Kunst fließen, die man auf den zweiten Blick überall sieht.
Samstag Abend in der Downtown: Pickups sliden mit quietschenden Reifen um die Kurve, haben Spaß beim Fahren. Polizei sieht und hört man fast gar nicht.
In Seattle wurde damals übrigerns der Goldrausch von Alaka kaufmännisch „abgewickelt“, heute starten viele Kreuzfahrtschiffe dorthin.

Eine der Hauptattraktionen ist Pike Place Market, einer Mall von 1907 – eng, verschachtelt, und voll mit kleinen Läden. „Ketten“ sind dort nicht zugelassen (!). Das Ur-Starbucks von 1971 ist hier – bevor die Kette entstand.
Ich esse „Kotlet“ beim Iraner: Ein Bio-Burger im Baguette, mit persischen Gewürzen, sehr lecker.

Der Recycling-Style:
alte Buchseiten werden als Postermaterial verwendet, oder als Tapete.
Vieles ist hier Bio („organic“). Und aus dem Radio der Stadt, KEXP, tönt Singer-Songwriter-Musik und alternativer Pop und Rock. Es wird immer klarer: anstatt bei Holzfällern sind wir bei aufgeschlossenen, nachhaltigen und kreativen Menschen.

KULTURSCHOCK 1: im Supermarkt fällt 1 Kasse aus, die Schlange wird immer länger. Keiner beschwert sich. Ein Angestellter läuft die Warteschlange ab, erklärt die Situation, während eine neue Kasse angerollt und aufgebaut wird. Seine Kollegin verteilt süße Teilchen. Alle entschuldigen sich, danken für die Geduld. An der Kasse bekommen wir 3,-$ Nachlass fürs Warten. 

KULTURSCHOCK 2: Getränke kommen in Papp- und Plastikbecher, und danach: in den Abfall. Es ist zwar schön, wenn der Becher stolz auf den Anteil an recyceltem Material ist, aus dem er hergestellt wurde. Doch am Ende landet er im Müll.

KULTURSCHOCK 3: vor der Mall fragen Obdachlose nach Geld für Essen.
Natürlich geben wir ihnen etwas.

Wo sind wir?
An der Rezeption frage ich mal, wo wir eigentlich sind. „Im Nordwesten“. Hier ist man aufgeschlossen, „open-minded“ (doch San Fran schlägt sie alle, sagen sie ...). Geografisch zählt Idaho noch dazu, aber menschlich eher nicht so. Ah ja.
Was ist Kanada? -> Kanadier reden etwas anders, man hört es gleich (ich nicht). Sie sind organisierter (= mit großem Sozialsystem), viel freundlicher als Amerikaner und über die Maßen höflich, die angenehmsten Gäste die man haben kann.

Im Kaufhaus (Macys) fällt mir das große Holzrelief an der Wand auf, mit stolzen Arbeitern, die Fässer rollen oder Brot backen – es sieht aus wie im Sozialismus. Als Musik läuft „Vintage-Jazz“. Herren-Sakkos haben blaue Blumen als Innenmuster (á la Hawaii).
Bei den Glückwunschkarten gibt es z.B.: 2 schwarze Sakkos, zur Hochzeit (für ihn & ihn); ein wackelnder Damen-Po mit Batterieantrieb (der volle Pulle rotiert); oder eine Gurke, die man aus dem Glas ziehen kann, damit sie spricht „I‘m a Gurken, ..., and I‘m koscher, ...“ Ich sage ja: Englisch ist das nicht, was sie in Amerika sprechen ...

Wir machen eine Stadtrundfahrt mit der „Ente“: ein Amphibienfahrzeug fährt uns durch die Stadt und über die Seen. Der Fahrer erzählt, blödelt und macht Stimmung – typisch amerikanisch.
Das Wetter: Temperaturen um 15°C, immer wieder Regenschauer.

Für mich ganz persönlich: Alaska ist nur noch 1000 km entfernt!

Mit einem kleinen Mietwagen fahren wir los, nach Anacortes. Wir fahren die Rundtour durch den kleinen „Washington-Park“. Es geht durch den Wald, aus richtig hohen und mächtigen Bäumen und viel „Buschwerk“ am Boden. Immer wieder sieht man aufs Wasser der Bucht. Die Luft ist frisch und würzig – wunderbar!
Die Fahrt dauert eine halbe Stunde. Mittendrin geht‘s mal „runter“ in die „Grüne Hölle“, der Wald wird dicht, Baumriesen ragen hoch, unten bei den Stumpen und Farnen ist es duster, Licht einschalten bringt auch nichts.

Whale-Watching
Friday Harbor auf den San-Juan-Islands ist ein kleiner, gemütlicher Ort, mit vielen schönen Läden und Restos. Es geht beschaulich zu, man unterstützt einheimische Künstler und Landwirte. Der Buchladen beispielweise gehört zur Kette „Indie-Bound“, die selbst Bücher verlegt.
Der Ort ist Ausgangspunkt fast aller Whale-Watching-Touren.

Wir sind 3 Stunden auf dem Wasser, sehen Orkas auftauchen, springen, mit Flossen aufs Wasser klatschen, hören sie schnaufen. Robben liegen auf Felsen, Weißkopfseeadler sitzen auf einem Baum. Wir sind beeindruckt!
Auf dem Rückweg kommen wir in die Flut: das Wasser ist aufgewühlt und turbulent. Immer wieder schlingert das Boot (wie ein Auto auf Schnee und Eis). Und alles nur, weil bei Flut das Wasser zwischen den Inseln in die Bucht läuft ...

OLYMPIC HALBINSEL, zu Wölfen und Vampiren

Mit der Fähre von Coupeville nach Port Townsend sparen wir uns den Umweg durch Seattle, und kommen zur Olympic Peninsula. Port Townsend sieht von See europäisch aus, hat bei Einheimischen einen Ruf als schöne Stadt.

Wir fahren die Küste entlang, halten spontan in Sequim. Die „Gallery“ bietet Kunsthandwerk der Ureinwohner. Der Stil ist stark stilisiert, beschränkt sich auf wenige Farben (meist scharz, rot und weiß), aber mit Liebe zum Detail (erinnert uns stark an Japan). Postkarten erklären auf der Rückseite das dargestellte Motiv.
Totempfähle gehören zur Kultur, sie gibt es aber nur im Nordwesten. Sie erzählen Legenden oder andere Sachen, mir war es nicht klar.
Ich frage an der Kasse, was denn ein Totem überhaupt ist. Also: weiter im Norden (Alaska,  Kanada) zeigen sie meist die Familiengeschichte. Hier erzählen sie i.d.R. eine mythologische Geschichte.
Die Verkäuferin fragt uns, ob wir schon mal in Amerika waren. Ja, letztes Jahr in Utah und Arizona (http://wortlaterne.blogspot.de/2013/05/reisebericht-usa-southwest-2013.html). Nächste Frage: Mochtet ihr die Hitze dort? -> Nein.
Ich finde es interessant, dass ihr das als erstes einfiel. Die First Nations haben sich natürlich an das kühle und regnerische Wetter angepasst, brauchen ihr Land und ihr Klima.

In Port Angeles brauche ich Kaffee, und bestelle Espresso, wie ihn das Schild am Eingang verspricht. Zum 2. Mal auf der Tour erlebe ich das: Kaffee? Den großen Becher, oder den größeren? - Nein, Espresso ist das Kleine. - Ach so, der Spezielle? - Ja. - Doppelter, oder größer?
Der Nordwesten ist Kaffee-Land. „Seattle-Coffee“ gibt es überall. Das ist Filterkaffee, der nach Kaffee schmeckt. Ein bisschen dünn, aber immerhin ...

Von der Küste geht es hoch zum Olympic Nationalpark, auf 1.670 m. Es sieht aus wie daheim: dichter Wald auf Bergen, oben zackig und schneebedeckt. Rehe stehen neben oder auf der Straße, neben dem Parkplatz, haben keine Angst.
Der Ausblick ist spektakulär. Hier hohe Berge, unten der Pazifik. Schneereste liegen herum, lassen den Rundweg enden. Wald bedeckt die Berge, wird nicht von Feldern, Wiesen oder Siedlungen unterbrochen.


Kanada schickt uns Classic-Rock ins Radio, Rockmusik ist allgegenwärtig.
Auf dem Highway kommen uns immer wieder Trucks mit geladenen Baumstämmen entgegen, wir sind im Land der Holzfäller.

Drive-Thru‘s sind sehr beliebt. Man bekommt etwas, ohne sein Auto verlassen zu müssen. Gibt es als:
Geldautomaten (sogar überdacht)
Apotheke
Espresso / Kaffee (sehr verbreitet)

Im Fernsehen:
Moderatoren mit weißen Zähnen, die sie stolz zeigen
Eine Sendung nur mit süßen Haustieren
Hindernis-Parcours, die man nur verlieren kann
Superstar-Casting: Immigranten-Kinder z.B. sehen es als Chance, im „Land der Möglichkeiten“ für ihre Familie dazuzuverdienen. Die Jury ist wohlwollend („Große Harmonie“), entschuldigt sich mehrmals für negative Entscheidungen.

LaPush
Ist Indianerland der Quielleute. Sie betreiben Läden und die Feriensiedlung, die superschön gemacht ist. (Kein Handy-Empfang, dafür Ruhe und viel Grün)
Ein Bus der Twilight-Tours („Team Forks“) kommt uns entgegen. „Keine Vampire hinter diesem Punkt“, sagt das Schild. (Man muss die Twilight-Saga lesen oder schauen, um es zu verstehen).
Felsen flankieren die Bucht, der Strand ist herrlich, und voll mit Treibholz – riesige Bäume, und jede Menge Splitter liegen am Strand. Hinter den Dünen wachsen wilde Büsche, wir sehen Kolibris an den Blüten saugen.

Forks
An der Kaffeehütte, einem Drive-Thru, bestelle ich Espresso. Ich komme als Fußgänger (Kulturschock für die Amerikaner?). Überraschung: Single-Shot Espresso (= einfacher) ist kein Problem. Creamer oder Zucker, nein? Brauchst du den Deckel („lid“), nein? Just plain, klar! - Endlich versteht mich jemand.
    Als mögliche Erklärung dient mir die Weltkarte in einem Mini-Laden, der „Twilight“-Devotionalien anbietet. Stecknadeln zeigen die Herkunft der Besucher: USA natürlich, und Europa ist übersät mit Nadeln.

Forks an sich besteht hauptsächlich aus Häusern entlang der Straße, und ist der regenreichste Ort der USA. Überall wird Twilight vermarktet, doch die Häuser aus den Filmen finden wir nicht. Das einzige, das wir wiedererkennen, sind die Holz-Trucks, die durch den Ort fahren.

Am Morgen fahren wir „hoch“ zum Hoh-Regenwald, Teil des Olympic NP. Flechten hängen von den Bäumen, teils am ganzen Baum, Farn und Büsche sprießen, riesige Bäume ragen auf. Umgestürzte Baumstämme dienen als Quelle neuen Lebens, Riesenwurzeln verankern riesige Bäume. Es ist früh, ruhig, trocken, Licht setzt den Wald in Szene – majestätisch und magisch.

Kurz darauf sind wir am Strand, bei Kalaloch. Von Bäumen bewachsene Felsen stehen im Meer – Reste des Festlands, Treibholz liegt überall herum, ganze Baumstämme davon.
Nachmittags in LaPush regnet es, am Strand ist der feine Regen überall um uns herum; es regnet den ganzen Abend und die ganze Nacht. 


Wir brechen auf nach Oregon, wo schon das Nummernschild von einem Baum verziert wird.
Stundenlang geht es durch den Wald. Ab und an verrät uns ein Schild, wie der Wald heißt, wann er zum ersten Mal abgeholzt, wieder aufgeforstet, danach abgeholzt wurde, und wann er das nächste Mal fällig ist.

In Aberdeen kaufen wir nur ein, und trinken Kaffee in der „eingebauten“ Starb*cks-Filiale, die im Supermarkt nicht fehlen darf. Viel mehr kann man hier auch nicht machen, der Ort wirkt abgerockt und trostlos. Wenn man hier lebt, kann man nur den Gitarrenverstärker auf Anschlag drehen, und sich die Seele aus dem Leib rocken ... (Nirvana stammen hierher).

Wir verlassen den „Evergreen State“, über eine lange Brücke über die Mündung des Columbia River, und kommen nach Oregon.

OREGON

Salzwiesen und Brackwasser liegen links und rechts des Highways. In verzweigten Buchten werden Austern gezüchtet.
In Warrenton stehen überall Silhouetten aus Stahl: Rehe, Menschen, Wölfe, Eichhörnchen zieren Laternenmasten.
Zur Rechten brandet der blaue Pazifik an Küste oder Strand, zur Linken stehen Berge, grün, mit viel Wald.

Aus Tillamook kommt weltbekannter Käse, die Fabrik ist Attraktion für viele Familien. (Wir kennen den Namen selbst erst seit dieser Tour).
Im Radio läuft NuMetal, wir sind im Land der Rocker.

Oregons Küste ist voller maritimem Flair. Am Mearse Point steht ein kleiner Leuchtturm neben windschiefen Bäumen. Gleich daneben steht ein -Überraschung- Wald. Highlight ist der Octopus-Tree, der mehrere Arme nach oben reckt.

Octopus Tree


Am Cape Kiwanda warten Surfer im Wasser auf die perfekte Welle, geländegängige Autos parken direkt am Strand. Im Coffee-Shop bekomme ich -zum ersten und einzigen Mal- Espresso in einer Tasse (anstatt im Einweg-Pappbecher).

Ein „Tidepool“ ist eine interessante Sache, wir sind im Yaquina Head State Park.
Ebbe gibt Felsen frei. Diese sind mit Muscheln und Seepocken übersät, Seeanemonen und (wenige) Seesterne liegen im restlichen Wasser, Robben liegen weiter draußen auf den Felsen und ruhen sich aus. Austernfischer-Vögel und Pelikane sitzen herum.

Zum Abendessen sind wir in Florence am Pier. In einem Familenrestaurant mit großen Fenstern, Möbeln aus dickem Holz und Bluesrock-Beschallung gibt es günstiges Seefood („C-Food“), mit Blick auf Pier und bunte Holzhäuser.

Kaffee gibt es danach „gegenüber“, in einem gelben Holzhaus. Das Café bietet Werke lokaler Künstler zum Kauf, Informationen über einen alternativen Lebensstil, einen alten Bollerofen, einen Tresen aus „Redwood“, einen Plausch und viel trockenen Humor.
Wo seid ihr her? Sagt nichts - Deutsche. Ja, der Akzent, wir kennen ihn, es kommen viele. Was schaut ihr an? Sagt nichts - Highway 101, von Seattle nach San Francisco, oder umgekehrt - das machen sie alle. Tja.
KULTURSCHOCK 4:
Eine Kundin stellt ihren Becher auf den abgewinkelten Tresen, der daraufhin abrutscht und auf den Boden klatscht. Kein Aufruhr, keine Panik. Sie putzt auf, die anderen Kunden warten. „Sag bitte, dass ich nicht die Einzige bin, der das passiert!“. Trockene Antwort der Betreiberin: „Ähm, da war mal eine einzige Kundin, vor neun Jahren. Du bist also nah dran (die Einzige zu sein)“. Danach bekam sie (ohne Aufpreis) einen neuen Kaffee.

Sea Lion Cave

30 Minuten nördlich von Florence, direkt am 101: ist die größte ihrer Art in Nordamerika. Mit dem Fahrstuhl geht es 60m nach unten.
Wir sind in einer Höhle, mit 2 Eingängen, durch die Licht kommt. Auf Steininseln und Felsen liegen Seelöwen herum und ruhen sich aus, Vögel fliegen ein und aus.
Draußen, auf einer Felszunge, liegen noch viel mehr Seelöwen herum – röhren, dösen und schlafen. Man sieht hinüber zum Leuchtturm am Heceta-Head, von 1894, dem meistfotografierten der Westküste.

Ein kleines Stück weiter, bei Thors Well, klatscht das Meer an die Felsen der Landzunge, oder flussähnlichen Einschnitt. Es kracht und spritzt, das Wasser fliegt 3-4m hoch. Die Wucht des Pazifiks ist beeindruckend. Der Wind bläst kühl und fest, trotz Sonne laufen wir dick eingepackt herum.

KALIFORNIEN
„Welcome to California“ sagt das Schild am Highway. Dann sehen wir gleich Schilder wie „Müll rauswerfen: 1000$ Strafe“, „Melde betrunkene Fahrer, Tel. 911“.

Der Wald wird von Wiesen und Feldern aufgelockert. Wir sind im „gelobten Land“, in dem „die Zukunft erfunden wird“.
Beim Frühstück schauen wir aufs Meer, und auf wolkenverhangene Berge – die beiden bestimmenden Elemente der Küste.

REDWOODS
Im Humboldt State Park stehen die Redwoods überall. Wir sind runter vom Highway, und bleiben einfach mal stehen. Es ist atemberaubend!
Überall stehen Redwoods, der Wald ist voll davon. Sie ragen 60-80m hoch auf, ihre Stämme haben Durchmesser von 5-6m. Dazwischen wachsen „normale“  Bäume, der Boden ist voll mit Klee und Farn. Es ist sehr ruhig. Vögel zirpen, doch nur wenige, und sehr gedämpft.
Später hören wir Wind in den Wipfeln rauschen. Doch diese sind, wie gesagt, 60-80m höher. Es sind wahrhaft majestätische und beeindruckende Wälder, irgendwie beruhigend, und die Luft ist unheimlich frisch und würzig.

Von den Redwood-Forests sind etwa 5-6% des ursprünglichen Bestands erhalten, der Rest wurde vom weißen Mann abgeholzt. Uns beeindruckt die Weitläufigkeit dennoch.
Die Redwoods brauchen übrigens die Feuchtigkeit der Nebel oder Wolken, um zu ihrer Größe zu kommen. Deshalb wachsen sie nur in Küstennähe. Somit sind auch sie eine Art „Regenwald“.
Auf dem Weg zum Lady Bird Johnson Loop läuft uns ein kleiner Schwarzbär über die Straße. Trottet langsam auf unser Auto zu, geht desinteressiert daran vorbei. 


Nach stundenlanger Fahrt sind wir abends in Ukiah [„Jukaiah“], und irgendwie „woanders“. Die Wiesen zwischen den Wäldern wirken trocken, ein kleines Kirchenportal ist kolonialbarock, es gibt mehr mexikanisches Essen als anderes, und mit Temperaturen um die 25°C ist es ungewohnt warm.

Je weiter wir nach Süden kommen, desto trockener wirken die Felder, desto mehr Palmen,  Kakteen und südliche Pflanzen wie Johannesbrotbaum wachsen.
In Santa Rosa schauen wir das Peanuts-Museum an, zu Ehren von Snoopy, Charlie Brown und deren Schöpfer. Der Parkplatz ist überdacht, das Dach besteht komplett aus Solarzellen. Das Café ist ein Haus weiter, in der Eissporthalle. Es ist klimatisiert (gekühlt), das Feuer im Kamin ist natürlich an. Auf Toilette geht es durch die Eissporthalle, in der Eishockey geprobt wird.

Wir umfahren die Bay Area am Ostufer, stehen immer wieder im Stau. Auf San Fran zieht eine Wolke zu, wir sind in der prallen Sonne.

MONTEREY
Die Cannery Row ist Touristenmagnet. In alten Fabrikgebäuden links und rechts der Straße, verbunden mit mehreren Übergängen, sind jede Menge Shops und Restaurants untergebracht.
Im Hafenbecken schwimmen Otter, Robben liegen am Strand. Eine Wolke hängt über dem Ort fest, es ist windig und kühl.

Wir bleiben im Jabberwock-Inn, einem alten, viktorianischen Haus, etwa 5 Gehminuten entfernt. Thematisch dreht sich alles um Alice im Wunderland, laufend entdecken wir neue Details.
Wir unterhalten uns mit einem Paar aus Texas, sie wuchs in Deutschland auf. Interessantes: in Texas trägt niemand Hut; sie kommen zum Abkühlen nach Kalifornien; die Mietautos werden immer kleiner („normal“ ist kein Riesen-Van mehr, sondern eine Limousine); seit dem Smart sind kleine Autos hip. Und Deutschland wird immer amerikanischer, das finden sie schade. Sie bleiben gern in B&Bs in alten, viktorianischen Häusern, von denen es viele in Amerika gibt.

Das Monterey Bay Aquarium ist eines der führenden in Sachen Quallen und Kopffüßler.
Lustige 60er-Jahre-Orgelmusik stimmt uns ein. Musik gehort dazu, es soll Spaß machen. Immer wieder gibt es Filme und interaktive Spiele, nicht nur für die Kleinen. Wie das: zeichne eine Qualle auf den Monitor und drücke Enter. Sie erscheint auf der großen Bildwand, wird animiert und zuckelt nach oben - für alle sichtbar.

Joan führt uns auf der „Jellies-Tour“. Sie ist Wissenschaflterlin (im Ruhestand?), und macht das nebenher. Wir lernen viel.
Quallen sind Fleischfresser, ihre Tentakel haben Sensoren für Protein, mit Giftkapseln erlegen sie ihre Beute. Ihre Kappe halten sie in die Strömung (wenn vorhanden), damit die Tentakel sich nicht verheddern. Das alles passiert impulsgesteuert, sie haben kein Gehirn.
Wir dürfen eine „streicheln“. Die Kappe ist viel dicker und zäher als gedacht, etwa wie ein Mousepad.
Vermehrung: eine „Larve“ setzt sich fest, z.B. an einem Stein, wächst zu einer Art „Baum“ heran. Wenn es passt, wird der oberste Teil abgesondert und wächst zu einer neuen Qualle heran. Die Larve bleibt und produziert weiter Nachschub. In schlechten Zeiten vegetiert sie vor sich hin, um in guten Zeiten wieder aktiv zu werden.
Joan meinte (halb im Spaß): wenn nichts mehr geht auf unserem Planeten, gibt es noch Kakerlaken und Quallen – sie überleben jede Katastrophe.

Übrigens gibt es in Monterey kaum Klimaanlagen – es hat ganzjährig um die 15-20°C.

Im Radio finden wir den Latino-Sender von San Jose (in der Bay Area). Außer ein paar Namen ist da nix englisch.
Großstadtverkehr, Stau und Wolke heißen uns willkommen in San Francisco („San Fran“). Unvermittelt sind wir in der Großstadt.

SAN FRANCISCO
(„San Fran“)

Menschen aller Art laufen herum, jeder wie er will. Wir sehen Schwarzgekleidete (z.B. ein Mädel mit Zylinderhut auf), doch nicht viele von ihnen. Viele Asiaten bzw. Asiatischstämmige Amerikaner prägen das Stadtbild. Im Laden gibt es Snacks und Getränke direkt aus Japan. Auf der Straße hört man viele Sprachen, die Läden spiegeln dies wieder. Hier sind wir richtig.

San Fran überrascht uns – in jeder Hinsicht, und immer wieder. Viele alte Häuser, teils viktorianisch, stehen überall. Hochhäuser sind zum Teil an unseren Altbaustil angelehnt. Kolonialbarocke Kirchen erinnern an Lateinamerika.
Mit einem Sightseeing-Bus lassen wir uns herumfahren (was ich zuhause nicht machen würde). Es ist angenehm frisch, und sonnig, ein leichter Wind geht.
Die Golden Gate Bridge sehen wir nur schemenhaft, eine dicke Wolke hüllt sie ein. Der Wind geht stark und kalt. Wasser aus Alaska tifft auf warmes Wasser, so entsteht hier eine Wolke, die kaum aufreißt. 

Golden Gate Bridge


Chinatown erkennt man leicht am Torbogen und pagodenähnlichen Dächern, und roten Laternen über den Straßen. Es ist die größte chin. Gemeinde außerhalb Chinas. Die Läden sind vollgepackt, die Preise moderat. Im Restaurant wird chinesisch gesprochen, vieles ist wie in der Heimat. Unser lecker MIttagessen kostet ca. 15,- EUR für 2 Personen, ein Kännchen Grüntee und eine Suppe gab‘s gratis dazu. 

 


Das „In-Viertel“ Haight-Ashbury, ehemals Hippie-Hochburg, infiziert uns nicht. Die Grenze zwischen bedürftigen Obdachlosen und bekifften Hippies ist schwer zu erkennen. Zwei „Bubis“ schnorren „für das nächste Essen“. Ah ja.
(Diese Einschätzung ist rein subjektiv und situativ.)

Der Nebel hat aufgerissen, wir schauen nochmals zur Golden Gate Bridge. Kurz vor ihr beginnt -na?- eine Wolke, die Brücke ist kaum zu sehen.

KULTURSCHOCK 5:

Das Elend der Obdachlosen schockiert uns wirklich. Sie wirken richtig abgestürzt, viel fertiger als bei uns. Das „Land der Möglichkeiten“ bietet ihnen keine Chancen mehr, sie betteln fürs Überleben. Und das in einem Land, das mich schon mit seinem Überfluss und seiner Verschwendung schockiert hat (ist es bei uns viel besser?). Ich beschließe, jedem der fragt oder einen Becher ausstreckt, 1 Dollar zu geben (mehr als der Durchschnitt gibt). 

 

Ein Cable-Car bringt uns am nächsten Morgen zur Lombard Street, ca. der einzigen Serpentine. Am Lafayette Park wohnen die Wohlhabenden, führen ihre Hunde durch den Park.


Einschub Cable-Car: Das Stahlseil läuft die ganze Zeit in einem Schacht unter der Straße. Der Wagen kuppelt sich ein und lässt sich fahren. Zur Haltestalle kuppelt der Fahrer aus uns bremst, es ist richtige Handarbeit. In den 1950ern sollten sie von Bussen ersetzt werden, doch die Einwohner wollten sie erhalten. 



Fillmore Street ist unsere Straße. In Peet‘s Coffee Shop geht es entspannt zu, der Kaffee schmeckt nach Kaffee, Nerds an der Kasse reden weniger und verstehen mehr, man schaut auf die Straße oder surft im Internet. Nebenan ist ein gemütlicher Buchladen, mit uralten Holzregalen und schönem Sortiment. Die Straße ist bunt, kreativ und angenehm. Es ist eher das, was wir uns unter alternativ vorstellen: mach einfach dein Ding.

In der Japantown ist es angenehm ruhig. Die meisten Läden sind in der Mall. Die Waren sind hochwertig, mit Liebe zum Detail, kosten dafür auch normale Preise. Wir machen „Purikura“ – das es außerhalb Japans nur hier gibt. In einer Fotokabine machen wir Fotos von uns, mit lustigen Motiven und Effekten, und können die Fotos nachbearbeiten. Der Automat quatscht die ganze Zeit, sagt uns was wir machen sollen, laut und getaktet.
Zum Essen gibt es original japanische Spezialitäten, wie Ramen, Okonomijaki, Tempura, Udon (alles warme Mahlzeiten).
In der Fußgängerzone ruhen wir uns aus. Man sitzt verstreut auf den Bänken, liest Zeitung, träumt vor sich hin, sehr ruhig und sehr japanisch. Wind raschelt durch die Bambus-Begrünung, für uns schon wehmütig, weil Japan noch so weit weg ist, und unsere Zeit schon vorbei. 

 
 

 



Ganz persönliche Schlußbemerkung:
Wir meinen ja gerne, Amerika zu kennen, weil wir US-Filme und Fernsehserien schauen können. Vieles erkennt man auch wieder. Und doch entdecke ich so unheimlich viele, kleine Unterschiede. Die Menschen sind sehr höflich und auf „Große Harmonie“ bedacht. Aber wir blieben Fremde, denen freundlich geholfen wird.
(„Zuhause“ fühle ich mich in Europa, egal wo. Es sind diese vielen Kleinigkeiten, die bei „uns“ anders sind als in Amerika.)
Die Amerikaner sind sehr kreativ und flexibel, Neues zu integrieren. Beispielsweise gibt es die Biersorten „Märzen“ und „Kölsch“, die schreibt man auch so. Dazu wurden mal eben das ä und das ö integriert. „Wheat Beer“ heißt hier übrigens -na?-: „Hefeweizen“. (Und „Auto“ geht schon lange als „Kar“).
Sie haben Kultur, nur eine andere, als wir erwarten. 



Bei der Zwischenlandung in Montreal sind wir „woanders“. Aus der Luft sieht es gut aus. Dunkle Ziegelhäuser, ein Schloß, und den Schilderturm einer Mall krönt eine Haube.
Die Leute reden französisch, englisch auch, aber schneller als die Amerikaner.
    Die Kanadier machen ihrem (amerikanischem) Ruf als höflichstes Volk alle Ehre. Überall stehen freundliche Menschen, die einem weiterhelfen. (Das ist auch notwendig, da es ständig kreuz und quer geht).
Flugzeit Montreal -> München: 7:15 Stunden. (Das teilt die Flugzeit schön in 2 etwa gleich lange Flüge!).

In München wirkt alles irgendwie provinziell. Leute können inbrünstig über Unregelmäßigkeiten im Fahrplanablauf und mangelhafte Organisation schimpfen. Das wirkt kleinkariert – doch verglichen mit den Problemen in der Welt auch irgendwie beschaulich. 


Doch wir sollten nicht vergessen, dass in Amerika „die Zukunft erfunden wird“. Irgendwann holt sie uns ein.

.............................................

Musik
„Blue Sky Black Death“ ist eine Nachwuchs-Band aus Seattle:
http://www.youtube.com/watch?v=tlYwzRCtziI


Hat überhaupt nichts mit der Region zu tun, war aber mein ganz persönlicher Ohrwurm. Wir hatten das MP3 käuflich erworben, um die Künstler zu unterstützen. Passt gut zur Dynamik der Tour ...
Sonnenbrandt, „Rotes Telefon“:
http://www.youtube.com/watch?v=SHwvJ434cVQ

...........................................
Das Buch:
Brian Doyle „Mink River“

In der „Erzähltradition des Nordwestens“: Das Leben in einem kleinen Ort in Oregon, wo sich viele Wege kreuzen, inkl. einer philosophierenden Krähe.
Von der Oregon State University Press
ISBN 9780-87081-585-3

und natürlich:
John Steinbeck „Die Straße der Ölsardinen“
spielt in Monterey, in der Cannery Row der 1920er/30er Jahre, ist ein Kult-Klassiker und schön zu lesen.
...........................................

Für Selbermacher

So geht Visum:
über ESTA: http://www.esta.us/deutsch.html
beantragen, alle Angaben und Fragen wahrheitsgemäß eintragen. Kreditkarte bereithalten! (muss nicht die eigene sein). Kosten: 14,-$
Die Bestätigung sollte innerhalb 1 Minute kommen.

WICHTIG: unbedingt vorher erledigen, sonst gibt es keine Einreise!
„ist das ein O oder eine 0 in meiner Ausweisnummer?“
eine 0 (Null), denn div. Buchstaben, darunter das O, sind nicht für die Ausweisnummer zugelassen. Das ist eine sinnvolle Regelung, die leider keiner kennt (wir sind selbst drüber gestolpert). Im Zweifel im Rathaus nachfragen.

Wer hier abgelehnt wird: kann aufs Konsulat gehen und das Visum persönlich beantragen.

Einreise:
WICHTIG:
beim ersten Eintreffen in den USA muss man einreisen. Das gilt auch und vor allem für UMSTEIGER!
Also: Zwischenlandungen, mit z.B. 1,5h Aufenthalt, werden zum Sprint, da man dazwischen noch EINREISEN muss.
Und das geht so: Schlange stehen (ca. 1h), dann zum Beamten.
Gruppen/Paare: können zusammen bleiben.
ESTA-Bestätigung vorlegen, Reisepass, Adresse der ersten Bleibe, ein bißchen Smalltalk, über „wohin, warum, wie lange“, 4 Finger einer Hand zum scannen, Daumen, Gleiches mit der anderen Hand, Foto, fertig.
Mein Tip: über Kanada einreisen. Es geht weniger zu, und die Kanadier schicken Eilige und Verspätete an der Schlange vorbei. (Aussagen Anderer zufolge in den USA nicht üblich)

So geht tanken:
Kreditkarte in Schlitz, schnell rausziehen, Stutzen abheben, Sorte wählen, (denn Bleifrei kommt in 3 versch. Sorten durch 1 gemeinsamen Schlauch), tanken, Beleg/receipt anfordern.
Alternativ: an der Kasse bar und vorab bezahlen.
„Die Zapfsäule will meinen ZIP-Code wissen“: gemeint ist die Postleitzahl. Wenn die Säule weder die deutsche Postleitzahl, noch eine Fantasiezahl akzeptiert: drinnen bar und vorab bezahlen, danach das Wechselgeld abholen.

So geht Automatik fahren:
linken Fuß gleich wegstellen
mit dem rechten Fuß auf die Bremse = großes Pedal links
Motor an
Hebel auf „D“ (=Drive) stellen
langsam von der Bremse, Auto rollt an
Fuß rüber aufs rechte Pedal = Gas, und Gas geben
stehenbleiben: einfach bremsen, bis das Auto stillsteht. Auto kuppelt von selbst aus.
Abstellen: Hebel auf „P“ =Parking



Trinkgeld: 
je öfter wir welches gaben, desto unsicherer wurden wir. 
Also: im Restaurant und im Taxi: 15-20%
(Ausnahme: in Touri-Hotspots ist in Restaurants oft eine "Service-Fee" aufgeführt, sie entspricht dem Trinkgeld, ist also schon eingepreist). 
Kofferträger etc.: 2 $
Und auch der Putzfrau lässt man (täglich) 2,-$ auf dem Tisch liegen.

Ein Wort zur Kleidung
Das Prinzip „Zwiebel“ ist das einzig Vernünftige: mehrere Schichten anziehen, die man bei Bedarf ablegen kann.
Amerikaner scheinen oft unempfindlich. Sie laufen in kurzen Sachen am Strand (bei 18°C) – weil es ja Strand bzw. Urlaub ist.