Norwegen, Januar 2016: Mit Hurtigruten auf die Lofoten / im Winter in die Arktis

"Arctic Express"

In Trondheim liegt das Hurtigruten-Schiff MS Trollfjord im Hafen, wir sehen es von Weitem.

Im Schneetreiben tuckert es den Trondheimfjord entlang, den drittgrößten des Landes. Eine Stunde später erfahren wir, dass wir den berühmten Leuchtturm Kjeungkjær Fyr heute nicht zu sehen bekommen, da der Käptn den Kurs geändert hat. Grund ist die Windgeschwindigkeit von 10 m/s, übersetzt mit „Steife Brise“, die das Meer aufwühlt und das Schiff schwanken lässt. Am Ende des Fjords geht es auf den offenen Nordatlantik, es fehlen vorgelagerte Inseln, die die Wellen brechen könnten. Nicht jedem bekommt der Seegang. Wir halten stand, nur die Müdigkeit bringt uns früh zu Bett.

Um 7:00 morgens weckt uns die Durchsage auf dem Gang. Kurz darauf stehen wir auf dem Sonnendeck. Wir überqueren den Polarkreis! Eine weiße Netzkugel wird angeleuchtet und markiert ihn.
Das Erste das wir in der Arktis tun? Frühstücken.
Ab 9:00 wird es langsam hell, zur „Blauen Stunde“ hält das Schiff in Ørnes. Es ist ein magischer Moment im blauen Dämmerlicht, verschneite Berge säumen den kleinen Hafenort.

Bodø [Bude]: ein Propellerflugzeug fliegt über uns hinweg und landet. Die zweitgrößte Stadt des arktischen Norwegens (50.000 Ew) ist funktional, bei -10°C laufen wir herum (und landen im Einkaufszentrum).

Im Vergleich zu den 90ern (http://wortlaterne.blogspot.de/2012/10/retro-reise-bericht-norwegen-mit.html) hat sich Hurtigruten verändert (teilprivatisiert). Es gibt mehr Shops, jeden Tag zubuchbare Ausflüge, die Reiseleitung macht ständig Durchsagen über Sehenswertes oder mögliche Kabinen-Upgrades, täglich gibt es Attraktionen.

Die Fahrt auf die Lofoten geht wieder über offenes Wasser, der Wind hat abgeschwächt auf 5 m/s (Leichte Brise).
Vor Svolvær passieren wir das südgehende Hurtigruten-Schiff MS Finnmarken. Beide Boote schalten ihre Scheinwerfer ein und leuchten sich gegenseitig an. Nur wenige Meter liegen zwischen den Schiffen. Im Lichtkegel sehen wir Leute winken, beide Boote tröten. Ein kleines Spektakel und ein großer Spaß für alle.

In weiser Voraussicht wurde unser Mietwagen in Svolvær auf einen mit Allradantrieb verbessert, Schneebesen + Eiskratzer inklusive, Winterreifen mit Spikes. Danke an das Hertz-Team!
Bei Malnes biegen wir spontan ab und gehen zum Strand. Wir sind die einzigen. Es ist ein magischer Moment: verschneite Berge vor hellblauem Wasser in der Bucht, Strand mit gefrorenem Sand und darüber perfektes Licht.

In der Bucht von Leknes beziehen wir ein Rorbuer – eine trad. Fischerhütte auf Stelzen. Es ist ungewöhnlich kalt, -10°C, laut Eirik (dem Vermieter) kein typisches Lofoten-Wetter, das nur Temperaturen um den Gefrierpunkt hätte. Die gesamte norwegische Küste, bis hoch zum Nordkap, liegt im Einfluss des Golfstroms.
Die Berge in Norwegen halten die kalte Festlandsluft aus Lappland, dem „Kühlschrank“, meist ab. Heute nicht – das bedeutet aber auch klaren Himmel. Also los!

Ab 22:00 stehen wir am Haukland-Strand und warten. Nicht als die einzigen. Nach einer Stunde frieren kommen sie: Polarlichter! Auf einmal sind sie da, werden größer, kleiner, mehr, weniger. Etwa eine Viertelstunde geht es dahin. Zwischen 22 und 24 Uhr sind die Chancen am besten, meinte Eirik.

Haukland müssen wir bei Tag nochmals sehen. Und durch den Tunnel zum Strand von Utakleiv – das ist hinter dem Berg, auf der Nordseite der Insel. Der kalte Wind ist ungemütlich, wir fahren zurück auf die windärmere „Lee-Seite“.

Mietwagen: mit Winterreifen und Spikes

 

Bei Borg hat das Wikingermuseum geöffnet (MI & SA 12-15:00). Ein nachgebauter Häuptlingshof, rekonstruiert, an seinem ursprünglichen Standort; Film und Ausstellung zeigen das Leben im 9. Jh. Der Audioguide (sonst nicht so mein Fall) erzählt viele interessante Sachen, ein Guide in Wikingerkleidung steht für Fragen bereit und spricht gut deutsch. So erfahren wir viel Neues:

- Die Wikinger in Nord und Süd waren sich nicht einig. Harald Schönhaar war daran, von Süden kommend, sein Reich zu vergrößern. Er bekam den Norden in einer Verhandlung dazu. Olaf Tvennumbruni, Häuptling in Borg, würde ein unfreier Vasall werden. Ihm war ein freies Leben wichtiger, so wanderte er nach Island aus.
- Die Fahrt nach Island dauerte „ein paar Wochen“. Ein Drachenboot-Nachbau segelte 1898 in 3 Wochen nach Amerika. (Island könnte also innerhalb 2 Wochen machbar gewesen sein(!))
- Die Wikinger Nordnorwegens unterdrückten die Sami in Lappland erst, um sie als Handelspartner für Felle (Rentier und Robben) zu gewinnen. Später vermischten sie sich auch.
- Bier war wichtig. Dünnbier war der Alltagstrunk für Alt und Jung (= genießbar und haltbar gemachtes Wasser). Zu Festtagen, also wenn Opfer gebracht wurden, gab es stärkeres Bier (ca. 7-10% Alk.).
- Gerste zum Brauen war begehrt, aber öfters Mangelware. Das gab große Probleme, da auch keine religiösen Zeremonien durchgeführt werden konnten.
Gerste bekamen die Nordmänner im Süden Norwegens. Auch wenn Harald Schönhaar den Handel verbot: das Verbot galt nur für „Bürger“, nicht für Sklaven.
- Auch Wein war auf dem Hof bekannt und ein Statussymbol.
- Ach ja: kein Met. Honig war nicht herzustellen und musste teuer importiert werden (z.B. aus Germanien, Dänemark oder England)
- Vieh im Stall: Ziegen und Schafe. DENN: sie geben Milch, haben also einen Mehrwert. Schafe geben dazu noch Wolle. Kühe waren selten, sie brauchen viel Futter. Schweine waren ebenfalls selten: sie geben nur Fleisch, haben also keinen Mehrwert.
- Der Ursprung des Wortes „Wikinger“ ist nicht klar. Die Norweger vermuten, dass es etwas mit Schiffen zu tun hat. Entweder die Art ein Drachenboot zu rudern (im „Schichtbetrieb“), oder allgemein auf Schiffsreise zu gehen.
- Erst mit der neuen Generation von Drachenbooten waren weite Fahrten möglich, die die Nordmänner bis nach Grönland und Vinland (im heutigen Kanada) brachten. Auch die Raubzüge wurden damit durchgeführt. Das Wort „Wikinger“ mit „Räuber“ gleichzusetzen wäre mitteleuropäisches Verständnis und greift zu kurz. 
- Im 10./11. Jh. entstanden in Europa und auf den Britischen Inseln größere und besser organisierte Reiche, die sich besser als die vorherigen Kleinstaaten verteidigen konnten. Dies bedeutete das Ende der Wikinger-Zeit.


Abends machen wir es uns in unserem Rorbuer gemütlich, kochen, trinken Tee und schauen fern. Im TV laufen amerikanische und britische Sendungen mit Untertiteln.
Und: eine Dokusoap, über den Alltag von Kadetten bei Luftwaffe und Marine.

Um 8 oder 9 stehen wir auf, in völliger Dunkelheit. Ab 9:30 graut es dem Morgen, ab ca. 10:30 ist es hell. Ab 14:00 / 14:30 beginnt die „Blaue Stunde“. Spätestens ab 16:00 ist es wieder dunkel. Die Sonne ist nie oben, sie kriecht nur schwach über den Horizont und taucht dann wieder weg.

Sonnenuntergang: ca. 14:30 Uhr / Sonnenaufgang: ca. 09:30 Uhr

 

Unser Eindruck von Land und Leuten: man ist sehr fokusiert, auf seine Arbeit oder seinen Sport. Danach macht man es sich gemütlich. Kreativität oder Design überlässt man evtl. anderen (z.B. Schweden oder Isländern). Manche Designs scheinen seit den 80ern unverändert zu sein (Supermärkte, Fertigpizza, ...). Dafür ist man bei Norwegern in guten Händen.
Außerdem ist vieles „altmodisch“: man hat Arbeit und wird angemessen bezahlt. Der „Ausländeranteil“ ist hoch und sie wirken gut integriert. Allen scheint es gut zu gehen. (Leider ist das mittlerweile altmodisch, aber ich mag es).
Und: beim abbiegen blinkern sie brav, auch im Kreisverkehr.

Das gibt es zu essen:
Krabben, ab und an Hummer, Rentier (als Schinken oder Geschnetzeltes), Fischpudding (ein „Fisch-Leberkäs“), Kjøttpudding (Fleischpudding = Leberkäs), Fischküchlein (=Fisch-Buletten), Wal (z.B. schwarz und als „Biff“), karamellisierter Käse, Rakfisk (fermentierter Fisch, z.B. Forelle, der roh gegessen wird). Lachs immerzu (früher beschwerten sich Knechte über die eintönige Kost – ständig Lachs ...)

Im Buchladen: die Geschichte des Black-Metal

(Norwegen war in den 90ern eine Hochburg)

Norwegen gilt als teuer? So sieht‘s aus:
Dosenfisch, Mineralwasser: ca. 1,30 €
Tüte Chips, Scheibenkäse, Brot: ca. 3 €
Weickkäse aus Frankreich (kein besonderer): 6 €
Dose Bier: 3 €

Norweger verdienen mehr als wir, ca. das Doppelte. Grund des Wohlstands ist die Ölförderung vor der eigenen Küste. Dadurch ist das Land praktisch schuldenfrei. Die Erlöse wandern seitdem in einen Fonds, mit dem man allg. Ausgaben (wie Bildung und Gesundheit) auch nach Versiegen der Ölquellen finanzieren will. Um Vetternwirtschaft vorzubeugen wird das Geld komplett im Ausland angelegt.

Zum Å der Welt:
Auf den Lofoten gibt es eine Hauptstraße (E10), die fahren wir zum südlichen Ende. Der Ort Å hat den kürzesten Ortsnamen der Welt, darauf sind sie auch stolz.
Immer wieder sehen wir Holzgestelle, an denen Kabeljau zum trocknen hängt. Trockenfisch ist ein Exportschlager Norwegens, der z.B. in Portugal, Spanien und Italien wichtig ist (Bacalhau). Die Köpfe hängen seperat, sie werden nach Nigeria verkauft (und dort zu Suppe oder Eintopf ausgekocht).
Obwohl die einfache Fahrt von Leknes nach Å nur 1h dauert, verbringen wir den ganzen Tag, mit vielen Fotostops. Es taut auf, die Temperaturen liegen wieder um den Gefrierpunkt.

Gestelle für Trockenfisch                                                     

 

Auf dem Rückweg nach Svolvær halten wir in der Bucht von Sundklakkstraumen und knipsen wie blöd. Hellblau funkelt das Wasser, Berge ziehen sich draußen in die Weite – es ist wieder ein magischer Moment.

Die MS Trollfjord verlässt den Hafen von Svolvær und passiert die MS Nordlys – ohne Show. Um 7:15 stehen wir wieder auf Deck und verlassen die Arktis, mit einem Löffel voll Fischtran, als letzte Attraktion.
Das Ausflugsprogramm fordert seinen Tribut. Viele Gäste sind bereits von Bord, die Verbliebenen und die Reiseleitung machen einen abgekämpften Eindruck.
Mitten in der Nacht werden wir geweckt. Das Schiff läuft kleine Häfen an. Es rumpelt und rattert unter uns, das Schiff vibriert. Es klingt nach der Seilwinde, oder nach Container-Verladung. Es ist eben doch in erster Linie ein Post -und kleines Frachtschiff.

Beim Frühstück trötet es und Scheinwerfer leuchten ins Restaurant. Wir passieren das nordgehende Hurtigruten-Schiff. Leute winken, Lichtkegel wandern – wer kann das nur sein? Ja, die MS Finnmarken!


Unser Rückflug mit KLM geht über Amsterdam. Mein erster Eindruck: so viele Leute!
Draußen hat es +13°C, der Frühling ist da. Um 15:30 sitzen wir im Parkcafe, schauen durch die Fensterfront. Die Helligkeit draußen blendet uns fast. Es ist viel heller als mittags in Norwegen - und das am Nachmittag.

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So hatten wir es gemacht:
Mit KLM nach Trondheim. Dort aufs Schiff.
Beide Schiffe halten vormittags, liegen dort ca. 4h.

Fahrt nach Svolvaer: 2 Tage
Svolvaer: Übernachtung im Lofoten Suite-Hotel. Buchbar über booking.com, und nur 2 Minuten vom Anleger entfernt.

Mietwagen Svolvaer: AVIS und Hertz, beide in der Avisgata (3 Min. zu Fuß).
Hertz bietet das Winterpaket, also Winterreifen und Eiskratzer/Schneebesen. Das hatte mich überzeugt.

Leknes: Lofoten Rorbuopplevelser, bei Eirik.

Rückflug: Trondheim 12:55 Uhr. Also vom Schiff direkt zum Flughafen. Der Shuttlebus (Flybussen) hält am Hauptbahnhof, zu Fuß 10-15 Min. vom Hafen.

Hotels in Trondheim:
Scandic Nidelven: rühmt sich mit dem besten Frühstück Norwegens. Dem können wir nicht widersprechen. Fußweg zum Schiff: 15 Min.
Comfort Hotel, Krambugata: gutes Preis-/Leistungsverhältnis & reichhaltiges Frühstücksbüffet. Fußweg zum Schiff: 20 Min.
Clariont Hotel & Konferenz-Center: wer kurze Wege mag. Der Flughafen-Bus (Flybussen) hält direkt vor der Tür. Fußweg zum Schiff: 5 Min.

Fußweg zum Schiff:
durch ein kleines Gewerbegebiet, hinter den Gleisen des Hauptbahnhofs, Container stehen herum. Vorbei an Bring-Logistik. Das Hurtigruten-Schiff sieht man i.d.R. schon von Weitem.

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Anhang: TRONDHEIM
im Januar 2015 wollten wir die Tour bereits machen. Das Schiff (Kong Harald) hatte Trondheim jedoch nicht verlassen (techn. Defekt am Motor). Deshalb saßen wir 4 Tage fest.

Der Nidarosdom steht in einem Park, ist die größte Kathedrale des Landes sowie die nördlichste gotische Kirche, und Grablege für König Olav – als Trondheim die Hauptstadt des Landes war.
Die Stadt ist ein Technologiezentrum, viele Unternehmen, viele Studenten, allg. Wohlstand. Nette Cafés und Kultur, Flüsse und Kanäle umspülen die Altstadt. Alte Holzbrücken führen über das Wasser.

Eine Leif-Eriksson-Statue im Kreuzfahrthafen (hinter „Pirbadet“) blickt auf die Insel Munkholm, nach Westen – und erinnert an alle Auswanderer.
Diese Statuen stehen auch in Kanada und den USA, um an norwegische Einwanderer zu erinnern.

Pirbadet: gleich daneben, ist ein großes Hallenbad mit Wellenbecken.

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Ein paar Worte Norwegisch:
straks = gleich
ledig = frei (z.B. Plätze in einem Parkhaus)
butikk = Boutique
trening = Training
frisørsalong = Friseursalon
Damer = Damen
Herrer = Herren
miljø = Umwelt (Milieu)
buljong - Suppe (Bouillon)
informasjon = Information
Antikviteten = Antiquitäten
Brannstasjon = Feuerwehrstation
Peanøtt = Erdnuss
gammel = alt
Bløt = weich (z.B. für weichgekochte Eier)


Wer noch keine Rechschreibschwäche hat, kann sie bekommen ;-)