Reisebericht Argentinien
Januar 2001

Ab in die Pampa - und weiter bis zum Ende der Welt


In Madrid mal eben umsteigen, von Iberia zur Aerolineas Argentinas, inkl. neu einchecken. Zum Schalter der Aerolineas bitte? Aerolineas: Hier lang, da lang, so lang, rüber, da lang, hierhin, dorthin. Spanier sind wirklich sehr hilfsbereit, hören aber nicht immer zu. Ohne Bordkarten gehts hier nicht weiter. Hm. Und zum Schalter? Hier lang, da lang, ... Der Schalter! Ach, ihr wollt zum Schalter? Der ist‘n Stock tiefer. Aha. Dort steht ein Argentinier, meint nur: „Der Flieger ist weg.“ Ein Vorgeschmack. Und jetzt? „Geht doch mal zur Iberia.“ Dort hilft uns ein älterer Herr in Strickjacke, eine spannende Sache für ihn. Gut dass wir halbwegs Spanisch können. Flottenpartner Iberia fliegt uns direkt nach Buenos Aires, unser Gepäck mit Aerolineas mit Zwischenstopp in Brasilien. Ergebnis: nach 12h Flug und einer schlaflosen Nacht (Südländer reden entweder viel, oder laut) sind wir da, unser Gepäck nicht. Wir melden es als verloren.

Wir sehen Einfamilienhäuser, mit Garten, Garage und Pool, große Reklameschilder, bunte Altbaufassaden, Hochhäuser aus unverputzten Ziegeln. In „unserem“ Vorort San Isidro ist es gemütlich, Altbauten in von Bäumen überdachten Straßen. Andys Wohnung hat große Fenster mit sprossigen Fensterläden, um Sonne draußen und Luft rein zu lassen.
Er ist Deutschlehrer im Ausland, Claus, Chris und ich besuchen ihn und erkunden „sein“ Land mit ihm.
Die Klingeln sind mit der Wohnungsnummer beschriftet - bloß keine Namen angeben! Davor haben sie wirklich Angst – dass man lesen kann, wer hier wohnt. Am Nachmittag klingelt es, unser Gepäck wird nachgeliefert.

Januar ist Hochsommer, es hat bis zu 36°C, ist mal mehr, mal weniger schwül, Schüler haben 3 Monate (!) Sommerferien. Zeit den Pool im Hinterhof der Anlage zu nutzen und danach einkaufen zu gehen.

Im großen, klimatisierten Supermarkt sehen wir uns um. Abgepacktes Rindfleisch zu 500g, 1 kg, oder größer; Schwein, Hühnchen, Würstchen. Bier gibt es nur zu 0,7 l-Flaschen - man trinkt in geselliger Runde. Warsteiner wird in Lizenz, Quilmes auf Mais-Basis gebraut. Kaffee gibt es in „Teebeuteln“, die man am Faden in die Tasse tunkt.

Die nächsten Tage erkunden wir Buenos Aires. Mit einem Nahverkehrszug englischer Bauart geht es in die Stadt. Die Passagiere sind eine bunte Mischung aus Südländern und Mitteleuropäern. Man sieht Rothaarige, Hellhäutige, mit Sommersprossen und gestreiftem Hemd, die sehr an Engländer erinnern, dann aber spanisch ins Handy sprechen. Argentinien ist, neben Uruguay, das weißeste Land Südamerikas. Die Hälfte der Einwohner stammt aus Italien, das Spanisch ist weich geschliffen und gewöhnungsbedürftig.
Abends gibt es das erste Rindfleisch, in so etwas wie einem Familien-Restaurant. Serviert mit 3 Kartöffelchen zur Zierde, frisch vom Grill, zart wie Geflügel (man braucht es kaum zu schneiden), und unglaublich lecker.
Wir treffen Tamara, Andys Freundin, und mögenn sie gleich. Beide entsprechen nicht dem „Chica & Macho - Klischee“, was die Verständigung erleichtert. Außerdem kann sie gut deutsch. Viele Eltern schicken ihre Kinder auf eine deutsche Schule, nicht zuletzt um ihre Berufschancen in deutschen Firmen vor Ort zu erhöhen, die ein hohes Ansehen genießen.

Stadtluft

Buenos Aires, kurz Bs.As., war früher das „Paris des Südens“. An einzelnen Altbauten, mit Türmchen, Erkern oder typischer Altbaufassade, kann man es sehen. Doch dazwischen überwiegen Bürohochhäuser der 1980er, Zweckbauten, Hochhäuser aus Ziegel oder Betonwürfel. Die U-Bahn (Subte) nahm 1913 ihren Betrieb auf, auf der Linea A noch zu sehen: Waggons sind innen holzvertäfelt, die Glühbirnen setzen regelmäßig aus. Überhaupt ist die Stadt etwas für Eisenbahn-Nostalgiker: Züge der letzten 30-40 Jahre sind noch im Einsatz. Ähnlich sah es auf den Straßen aus: Amerikanische Trucks der letzten 30 Jahre sind live zu erleben, Autos etwas jünger. Die Straßen selbst sind meist gut, nur manchmal löchrig oder aufgeworfen (heißt: Ein PKW muss die richtige Spur wählen, um nicht aufzusitzen).


Andy zeigt uns die Avenida Rivadavia, die längste Straße der Welt. Und das geht so: in der Stadtmitte startet sie, biegt öfters ab, andere Straßen wurden für ein paar Meter in sie umbenannt, danach führt sie raus in die Vororte.
Die Avenida de 9. Julio ist dafür die breiteste Straße der Welt: Häuser wurden abgerissen, um sie verbreitern zu können, und weiter hinten aus Beton wieder aufgebaut.
Natürlich kann man ausgiebig diskutieren, ob es nicht anderswo längere und breitere Straßen gibt – doch für Argentinier ist die Sache klar.

Zeit für ein zweites Frühstück im Café Tortoni. Eine traditionelle Institution, in einem Altbau, mit gemütlicher Einrichtung, Bohnenkaffee und gepflegter Auswahl an Torten und Gebäck. Der Kellner ist bestimmt über 60, in Kellnerfrack und Fliege, beliebt zu scherzen, macht auch gerne Fotos von uns und ist ein lustiger Zeitgenosse.

Die „Porteños“ (Einw. v. Bs.As., etwa „Hafenbewohner“) mögen: Psychoanalyse und Körperkult. Nicht nur im Café Freud sitzt man zusammen und tauscht sich aus. Fitness-Studios sind überall. Ein echtes Highlight sind die jungen Frauen: Perfekter Körperbau, langhaarig und hübsch, man wird nicht fertig mit schauen. Doch genau darauf legen sie es an. Fitness, Mode und Kosmetik sind wichtig. Andy erzählt uns eine Episode aus einer Klasse, als er eine 14-jährige ermutigen wollte, ihren Kopf zu benutzen - wozu hätte sie ihn sonst? Antwort: zum Schönsein!
Ihre Begleitung sind stämmige, junge Männer, die ihre schulterlangen Haare nach hinten gelen oder mit einem Haarreif halten. Sie führen die Lady und haben recht - was die Lady nicht in Frage stellt. Zeit für einen Kulturschock.

La Boca ist so etwas wie das In-Viertel. Bunte Häuser und jede Menge Lokale säumen das ehemalige Einwandererviertel. Meditarrane Lebenskunst an jeder Ecke, eine kluge, hübsche Bedienung im La Perla und ein humorvoller Barkeeper, Souvenirshops und Touristengruppen. Auf Toilette wird man angehalten, benutztes Papier in den Eimer zu werfen statt in die Schüssel (um die Rohre nicht zu verstopfen).

Das legendäre La Bombonera-Stadion der Boca Juniors steht zur Besichtigung offen, in dem Diego Maradona groß wurde, der beste Fußballer der Geschichte und Argentinier. Seine Biografie war allgegenwärtig und nennt sich „Ich, Diego“.
(Fußballexperten halten Pele für den besten – und der ist Brasilianer)

Am Recoleta-Friedhof, mit seinen riesigen Gruften und Gröbern berühmter Personen, fallen uns die vielen, dürren Katzen auf, die wild in der Stadt leben. Als sie vor Ewigkeiten eingefangen wurden, um das Stadtbild zu verschönern, gab es eine Mäuseplage. Seitdem dürfen sie hier leben.

Zurück in San Isidro weist Andy uns auf die sauberen Gehsteige hin, die von Anwohnern geputzt werden. Es ist wichtig, nach aussen sauber und korrekt zu erscheinen.
Für Müllsäcke gibt es Drahtkörbe, ca. 1.50m über dem Boden. So lockt der Müll die Ratten nicht an.

Wir holen Wäsche aus dem Waschsalon. Für 3-4 Pesos pro Ladung gibt es sie gewaschen und gebügelt, selbst waschen lohnt so kaum.
(Anm. d. Verf.: Der Peso war damals 1:1 an den US-$ gekoppelt, das Preisniveau in Bs.As. entsprach im Frühjahr 2001 dem von München. Nach Süden wurde alles teurer, weil es per LKW herangeschafft werden musste. Es überraschte uns, dass die Leute so ruhig blieben.)

Und obwohl alle Vorurteile dagegen sprechen (oder gerade deswegen): Wenn man sie erstmal kennenlernt, sind die Argentinier sehr freundliche, herzliche und liebenswerte Menschen. Und ein Volk, das alle Krisen meistern konnte.

Wir holen unseren Mietwagen. Die großen Vermieter haben übliche Preise, also hatte Andy einen kleinen Betrieb gesucht. Nach viel Verhandlung werden wir uns über die Kaution einig, bekommen einen Fiat Marea und brechen auf.
Durchs offene Fenster fragt uns ein anderer Fahrer: „Hey chicos, wo ist denn die so-und-so Straße?“ Eine durchaus übliche Anrede. Andere Fahrer haben ihren Mate-Tee an Bord: Ein bauchiger Becher, oft aus Holz, mit Trinkrohr, steht bereit zu einem Schluck an der Ampel.
Mit einem Auto haben wir prinzipiell Vorfahrt, Mofas und Fußgänger sind schwächer und haben das Nachsehen. Kulturschock die Zweite.
Nach etwas Kurbelei ist der Stadtrand erreicht und wir sind plötzlich im Grünen. Wiese erstreckt sich bretteben aus, wir sind in der Pampa. Das Abenteuer beginnt!


 Ab in die Pampa!


Wir sind in der Pampa Humida, der feuchten Pampa, die den Großteil der Provinz Buenos Aires einnimmt. Ob „La Pampa“ oder „Las Pampas“, beide Formen sind korrekt. Grüne Wiese erstreckt sich bis zum Horizont, durchzogen von einzelnen Baumreihen. Und irgendwo da hinten laufen Rinder herum, gehen Gauchos ihrer Arbeit nach.

Kilometer 368: Auf der Straße ist viel Verkehr, Mercedes-LKW der 1970er, Mack-Trucks der 80er, Autos. Bleiben wir stehen, kommen 4-5 Fahrzeuge pro Minute vorbei.
Die Orte liegen allesamt neben der Straße, per Abzweigung und Zubringer zu erreichen. Der Verkehr soll draußen bleiben. Grundriss und Aussehen der Orte gleichen sich. Schachbrettartiger Grundriss, ein kleiner Park bringt Grün, Betonwürfel mit Balkonen, Hotels und Gastronomie vorhanden.

in Carmen de Patagones


Carmen de Patagones ist der letzte Ort vor Patagonien. Ein rechteckiger Platz in der Mitte, doppeltürmige Kirche des sog. Kolonial-Barock, Eisdiele, bunte Häuser. Wir holen uns Empanadas, gefüllte Teigtaschen (z.B. mit Rinder-Hackfleisch).
Danach fahren wir rüber nach Viedma, über den Rio Negro, in die gleichnamige Provinz.
Zwischen Viedma und San Antonio Oeste wird es deutlich trockener, Erosion verwandelte einzelne Landstriche in das, was wir „Badlands“ nennen. Wir bleiben auf der „Ruta Tres“ (Straße Nr. 3), der asphaltierten Piste in den Süden, kommen in die Provinz Chubut.

Wir biegen ab auf die Halbinsel Valdes, mal eben Robben kucken. Nach 1-2 h Fahrt über Schotterpiste kommen wir an einen der Strände, an den Seelöwen, Mähnenrobben und See-Elefanten zum schlafen kommen. Es ist ein geselliges Beisammensein, wir sehen Dutzende Tiere bei ihrer Pause. Am Punta Delgada besuchen wir weitere Bewohner: viele Magellan-Pinguine lassen sich anspülen und gehen hier an Land. Der kalte Falkland-Strom bringt sie hoch nach Norden. Die putzigen Tiere zeigen keinerlei Scheu vor Menschen und lassen sich gerne fotografieren.
Die Federung des Fiat nimmt es arg mit, er beginnt zu schaukeln. Doch was tun? Die Infrastruktur in Trelew und Rawson (gegründet von walisischen Einwanderern) geben keinen Boxenstopp her. Zumindest zwei Reifen sollen geflickt werden. Dazu gibt es in spezielle Werkstätten im ganzen Land, sogenannte Gomerias. Für etwa 4 Pesos, zuzüglich Material, wird der Reifen geflickt und hält wieder eine Weile.
In Trelew gehen wir ins Paläontologische Museum Egidio Feruglio und sehen uns Saurierskeltte an


Kilometer 1383: Die Landschaft besteht aus kniehohen Dornensträuchern, und Büscheln gelben Grases, genauso hoch. Dazwischen entweder Kies oder trockene Erde. Dies bis zum Horizont, in jede Richtung. Patagonien gilt als Halbwüste, liegt im Regenschatten der Anden. Meist ist es eben, mal leicht gewellt. Mit Glück läuft eine Stromleitung neben der Straße, bringt Abwechslung und Orientierung zur Geschwindigkeit. Ohne Strompfosten sehen Tempo 80 und 130 gleich aus.
Angeblich gibt es hier große Schafherden. Für Rinder ist das Land zu karg.

KM 1491: Der Ruta Tres fehlt ein Stück Asphalt. Es staut sich, jeder sucht seinen Weg durch den Kies und zurück auf den Asphalt.

Comodora Rivadavia soll unfreiwillig zu unserer Drehscheibe werden. Mit 140.000 Einwohnern eine der großen Städte in Patagonien. Betonhäuser flankieren gerade Straßen, der Wind pfeift um jede Ecke. Wir quartieren uns ein und bringen den Fiat in die Werkstatt. Fehler gefunden, Ersatzteil kommt in 1-2 Wochen. Nicht gut. Wir geben dem Chef-Mechaniker 20 Pesos für eine Bastellösung, was ihn sehr motiviert, aber auch nichts bringt. Andy telefoniert mit dem Vermieter. Ja, er kann das Auto abholen lassen und nicht weiter verrechnen. Nein wir zahlen den Transport nicht, wäre ja noch schöner. Die hinterlegte Kaution sehen wir nicht wieder.
Wir suchen und finden ein stabiles Auto, einen Jeep Cherokee für die Schotterpisten am Fuße der Anden, der morgen eintrefften soll. Gebucht.

So bleibt Zeit fürs Erdölmuseum. Im Hinterland wird Öl gefördert, so wurde die Stadt groß und reich. Die Dame lässt es sich nicht nehmen, uns eine Führung zu geben. Ich übersetze Claus und Christian so gut ich kann. Teils auch nur mit „ich sage jetzt nur irgendwas, damit sie glaubt ich würde übersetzen“.
Die Temparatur liegt mit max. 25°C ohnehin nicht mehr so hoch. Abends frischt der Wind auf, durch die breiten Straßen treibt es ungehindert Regen, nachts hat es nur noch 10-15°. Wir besuchen auch einen Parrilla (sprich: parriescha), ein Grill-Lokal. Meist von Asiaten geführt, grillen sie all-you-can-eat. Der Nachteil ist, dass Rind oft nur aus dürren Rippen besteht. Alternativ gibt es Schwein oder Hühnchen. Und weil es Asiaten sind, hat man Chancen auf Gemüse - sonst Mangelware in der Gastronomie.

Nach vier Tagen Zwangspause geht es endlich weiter. Auf in die Provinz Santa Cruz, dort wo der Wind zuhause ist.
Nach knapp 200 km gibt es den „Versteinerten Wald“ von Jaramillo zu sehen. Baumstämme wurden in Urzeiten vom Regen „mineralisiert“, und so zu Stein. Man sieht also „Baumstämme“ herumliegen, die auch so aussehen, mit all den Farben und Jahresringen. Doch sie fühlen sich an wie Stein, sind hart und schwer wie Stein, sind aus Stein.


KM 1798: Wir halten an der Straße und bringen die Türen kaum auf. Obwohl die rechten Türen leicht nach unten hängen durch die Schräglage, müssen wir uns oft genug mit ganzem Gewicht dagegenlehnen. Der Wind aus West drückt dagegen. Zigaretten anzünden oder im Freien pinkeln ist nicht mehr. Das ist dann leichter Wind. Abends kann er auffrischen, die Pappeln gehörig durchrütteln, die als Windbrecher vor jedem Ort stehen. Uns beschert er lebhafte Träume, ja - wir träumen ganze Filme wenn es die ganze Nacht bläst. Was wir als Starkwind empfinden, ist hier alltäglich.

Nach 2500 km kommen wir nach Rio Gallegos (sprich: gascheegos). Bis 1981 kamen Briten von den Falkland-Inseln hierher, zum einkaufen oder um das Krankenhaus zu besuchen. Nach dem Falklandkrieg blieben sie aus. Geblieben ist der „British Club“, ein Restaurant mit Streifentapete, Rauchsalon, Billardzimmer (bzw. Snooker), Kellnern im Anzug. Alles was fehlt, sind echte Engländer.

Über die Magellanstraße, nach Feuerland

Weiter geht es Richtung Feuerland, ein Stück durch Chile, die Grenze kommt bald. Und das geht so: Man fährt bis zur Schranke, geht in das Holzhaus, füllt ein Formular mit Name, Beruf, Ausweisnumer aus, das man stempeln lässt, geht zurück zum Auto, zeigt Stempel und Kofferraum, wartet bis die Schranke aufgeht und man Argentinien verlassen kann. Soldaten stehen bereit, die Grenze ist Sache des Militärs. Die „Bandera“ (Fahne) weht groß und meist dreckig und zerrissen. Sie zum waschen einzuholen ist ein streng regulierter Akt, denn wo sie weht, ist Argentinien. Ein großes Schild, mit Silhouette der Falkland-Inseln, steht unübersehbar neben der Straße und verkündet: „Las Malvinas son Argentinas“ (Die Malvinen = Falkland-Inseln sind argentinisch).


Wir fahren ein Stück zur nächsten Schranke, gehen ins Holzhaus, alles nochmals bei den Chilenen, um in Chile einzureisen. Hier steht Polizei in kugelsicheren Westen, mit Aufschriften wie „Detective“ oder „Officer“. Außerdem hängen Vermisstenanzeigen aus. Chilenen sind familiärer und vielen sieht man ihre Indio-Wurzeln an.
Eine Fähre tuckert uns über die Magellanstraße – wir sind auf Feuerland! Nach kurzer Fahrt wieder ein Grenzübertritt mit dem üblichen Prozedere, auf die argentinische Seite Feuerlands.

Die Wiesen bestehen mehr aus Gras als aus Dornbüschen, wir sehen die grasenden Schafe. Die einzelnen Höfe haben sich eingekreiste Zahlen aufs Wellblechdach gemalt, um sie erkennen zu können. Zur Versorgung aus der Luft kann das wichtig sein, wenn im Winter der Schnee alles verschluckt.
Wir fahren über die Berge am Lago Fagnano, es beginnt zu schneien, der Schnee bleibt liegen. Es ist nur eine dünne Schicht, und auch nur in den Bergen. Immerhin ist es Sommer.


Am Ende der Welt

In Ushuaia herrscht reges Treiben, es gibt viele private Hotels und Restaurants. Touristen tummeln sich - hier starten Antarktis-Kreuzfahrten, Kap Hoorn ist zum greifen nah. Als Souvenirs gibt es gestempelte Postkarten vom Ende der Welt, oder Poster mit einer Karte von Kap Hoorn und den davor gesunkenen Schiffen.
Die Ruta Tres endet hier, wir sind am Ende, in der südlichsten Stadt Argentiniens (offiziell ist das chilenische Puerto Williams die südlichste Stadt der Welt). Eingerahmt von verschneiten Bergen und bunten Häusern verströmt der Hafen angenehmes atlantisches Flair.

Es ist nicht weit zum Nationalpark Tierra del Fuego, mit ausgehnten Sümpfen bzw. Torfmooren, Otter bauen einen Damm. Wir verlassen den Weg und lassen uns von dichtem, weißen Geflecht tragen, das unter der rot-grünen Deckschicht erscheint, Wasser quillt von unten um die Sohlen. Also besser auf dem befestigten Weg bleiben und die Einsamkeit des Sumpfes am Ende der Welt genießen.


 Dort wo der Gletscher kalbt, auf der Spur des Puma und weitere Bordercrosses.

Der Schnee in den Bergen ist geschmolzen, der Grenzübertritt bekanntes Ritual. Wir fahren wieder nach Norden. Später biegen wir ab nach Westen, zur Fähre in Porvenir. Der chilenische Teil Feuerlands sieht nicht anders aus: Höfe mit Nummern auf dem Dach, weite Wiesen, kahle Hügel, die Gebäude verwittert, immer ein leichter Wind. In Porvenir ist die Fähre schon weg, wir bleiben über Nacht. In der Gomeria lassen wir einen Reifen flicken (etwa zum zehnten mal). Der Mechaniker arbeitet im Pulli, der ab und an den Rücken entblößt. Wir ziehen unsere Jacken zu, der Wind kommt kühl und unangenehm. Doch als Einheimischer ist er das natürlich gewohnt.
Wir finden eine Bleibe, es gibt einen 4er-Schlafsaal für uns. Die Tapete scheintn aus den 1960ern zu sein. Am Kamin stehen Ziegel aufrecht, um die Wärme zu speichern. Doch wir brauchen nicht heizen, es ist ja Sommer.
Unten ist es modern und gemütlich, es gibt Häppchen, der Fernseher läuft die etwa 16-jährige Tochter freut sich über Abwechslung und fragt uns alles Mögliche. Sie trägt bauchfrei, das ist modern. Wir fühlen uns wohl, nehmen trotzdem Tags drauf die Fähre nach Puntas Arenas.


Plötzlich herrscht Betrieb im verschlafenen Ort, ein größeres Schiff kommt und fährt uns in einer knappen Stunde über die Magellanstraße. Ich trinke solange einen Milchkaffee. Der geht so: Instant-Kaffee wird mit warmer Milch aufgerührt (anstatt mit Wasser), fertig ist der Cafe con Leche.


Wir sind zurück in Patagonien, im chilenischen Teil. Es ist grün und bergig, Bäume und Blumen wachsen, wilde Guanakos und Gauchos kreuzen unseren Weg. Die Leute sind herzlich und freundlich, die Häuser leiden allerdings an früherer Mangelwirtschaft. Die Zeiten als Außenposten des Sozialsimus und die der Militärdiktatur gingen nicht spurlos vorüber.

Der Nationalpark Torres del Paine ist schon atemberaubend. Nicht wegen der Höhenluft, sondern wegen der Ausblicke. Schneebedeckte und vergletscherte Berge ragen majestätisch auf, Seen und Flüsse leuchten azurblau. Solche Landschaften laden ein, sie aus dem Klappstuhl zu betrachten.
Es gibt so etwas wie ein Matratzenheim, in dem wir bleiben, wo der Wind durch undichte Fenster und Türen kommt und geht. Doch es lohnt sich hier Zeit zu verbringen.

Dennoch geht es weiter, auf die argentinische Seite, in den Wanderer-Ort El Chalten, am Fuße des Monte Fitzroy. Das gemütliche Backpacker-Hostel eignet sich als „Basislager“. Dort hängen auch Fotos vom Winter - das Haus ist erkennbar, die Zufahrt nicht mehr, der Schnee begräbt das ganze Tal.
Wir wandern die Berge hoch, pausieren am wilden Fluss, folgen der „Spur des Pumas“ (woher kam sonst das Skelett in Größe eines Pferdes?), machen tolle Fotos vom Monte Fitzroy, der sich zur Abwechslung nicht in den Wolken versteckt, spüren aber auch den kühlen Hauch der Gletscherwelt.
Abends in einem kleinen Gasthaus gibt es hausgemachtes Schwarzbier, der Chef ist Brauer aus Tschechien. München kennt er, dort hatte er gearbeitet in den frühen 1950ern - will wissen, ob es noch Trümmer gibt, oder die Stadt wiederaufgebaut ist.


Auf Schotterstraßen geht es weiter, hinunter zum Fuße der Anden, wo es sichtlich trockener ist als in den Bergen, und weiter nach Norden. Die Trucks ziehen lange Staubfahnen hinter sich her, sind aber schlau genug, bei Ostwind auf die linke Spur auszuweichen, so dass wir auf der „Luv-Seite“ staubfrei überholen können, während der Staub nach links weht. So viel zur Verkehrsdichte am Fuße der südlichen Anden.

Dort wo der Gletscher kalbt

Am Lago Argentino, es geht wieder hoch, sieht man den Gletscher Perito Moreno. Auf Bretterwegen geht es den Hang hinab, man sucht sich einen Platz und wartet. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees schiebt sich die Gletscherzunge auf den See. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein überhängendes Stück herabfällt und in den See kracht. Der Klang kommt zeitversetzt an. So nah und bequem sieht man einen Gletscher selten.

Die relative Nähe zur Antarktis spüren wir immer wieder. Der Wind kann richtige Kühle bringen. Die Gletscher liegen hier auch vergleichsweise tief, auf 2000 Höhenmetern oder gar weniger. Das Gletschergebiet der südamerikanischen Anden ist das drittgrößte (nach Antarktis und Grönland), der Perito Moreno ist einer der wenigen, der noch wächst.


Der Rückweg geht wieder nach unten, die Gegend wird zusehends trockener, bis wir wieder in der Steppe sind. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die „Cueva de los manos“, die „Höhle der Hände“, in denen Steinzeitmenschen Tiere, Jagdszenen und v.a. ihre Hand-Negative an Felswände malten. Das trockene Klima konserviert sie.


Die Gegend im westlichen Patagonien ist sehr trocken und eintönig, besteht manchmal nur aus „Oben und Unten“. Unten: Staub, Geröll und flache Pflanzen; Oben: weiter, blauer Himmel.
Wir kommen zurück an den Atlantik, nach Comodoro Rivadavia, unserer unfreiwilligen Drehscheibe. Unser Aufenthalt ist kürzer als gedacht. Gepäck deponieren, zum Flughafen fahren und einen Flug buchen, Auto abgeben, Gepäck auflesen und noch am selben Abend nach Buenos Aires zurückfliegen.

Abends um halb zwölf landen wir am Flughafen Ezeiza (für Inlandsflüge). Dort herrscht reges Treiben, Angehörige abholen oder abfliegen, jeder hat es wichtig, es geht hoch her.  Zurück im Hochsommer, mit freier Zeit.

Tigre: Knatternde Motorboote als ÖPNV

Ein Ausflug bringt uns nach Tigre, im Mündungsgebiet des Rio Paraná in den Rio de la Plata, wo VW und Ford ihr Werk haben, oder die Schönen und Reichen ihr Wochenendhaus inkl. Bootsanleger in sog. „Country Clubs“ haben. Der ÖPNV besteht hier aus knatternden Motorbooten, die Schüler zur Schule und Touristen wie uns nach Irgendwo bringen. Eingewachsen zwischen hohen Palmen und Büschen finden wir alte Häuser, die an Onkel Toms Hütte erinnern. Und mitten in der Welt der Wasserstraßen stehen alte Zapfsäulen für Motorboote.


Uruguay: im Land der Oldtimer

Der zweite Ausflug bringt uns nach Uruguay, ins alte Städtchen Colonia del Sacramiento, auf der anderen Seite des Rio de la Plata. Wir bekommen einen Stempel in den Pass. Kioskwärter trinken entspannt Mate aus dem bauchigen Pott, Autos bremsen und lassen uns passieren (in Bs.As. unüblich). Uruguay ist ein Paradies für Autoliebhaber - wegen hoher Einfuhrabgaben werden Oldtimer in Schuss gehalten. Der entspannende Lebensstil steckt uns an, wir schlendern langsam oder dösen im Freien, bis die Rückfahrt ansteht.

Ich lasse die Tour revue passieren. Haben wir das alles wirklich gesehen? Es sind zu viele Eindrücke, fühlt sich irgendwie unecht an. Aber die Stempel sind wirklich im Reisepass, wir waren wirklich am Ende der Welt und fliegen bald heim, hängen nur noch ein paar Stunden irgendwo dazwischen.

Hinter uns liegt eine Tour mit über 4000 km im Auto, 2 Mietautos, 3 Ländern, fast 30° Temperaturschwankung, unglaublich vielen Eindrücken. In diesen 4 Wochen sahen wir viele Facetten eines großen Landes, wurden freundlich und herzlich behandelt, fanden viel Optimismus und Lebensfreude, in einem krisengeschüttelten Land. Doch es würde immer irgendwie gehen - diese Einstellung wollten wir mitnehmen.


Auf dem Madrider Flughafen fühlen wir uns wieder daheim. Kein Formular ausfüllen, einfach einreisen. Und von Madrid kommt man immer irgendwie heim, was kann jetzt noch passieren? Wir sind ja wieder zuhause, in Europa.




Nachträge:
Ende 2001 verschärfte sich die Krise. Banken gaben kaum noch Bargeld aus, Geschäfte wurden geplündert, Präsident De la Rúa floh per Hubschrauber.
Aerolineas Argentinas stand im Frühjahr 2001 kurz vor dem Aus
2002: Andy und Tamara heiraten, bekommen 2 Töchter
2011 und 2012: argentinische Künstler stellen Werke in der Galerie Kunstvoll in Höhenkirchen-Siegertsbrunn aus