Reisebericht:

Schweiz, Liechtenstein, Breisgau 2013

Naherholung in der Schweiz? Eine gute Gelegenheit, Resturlaub abzufeiern und eine alte Bekannte wiederzusehen. Also los!

An der Grenze schaut mich keiner an, da die Schweiz dem Schengen-Abkommen für freien Personenverkehr beigetreten war.
Im Radio ruft eine Hörerin an, ich verstehe fast gar nichts. Dann kommt eine Verkehrsmeldung, und der Moderator spricht hochdeutsch. Bei den Nachrichten ebenfalls.

Am Rasthof bestelle ich Kaffee: „Ich hätte gern einen Espresso bitte“. Ziemlich forsch von mir, wie ich später erfahren werde.

Erste Station ist ein Ferienhaus bei Amden am Walensee. Jana, eine alte Bekannte und gute Freundin aus Bayern, hat sie über ihre Firma gebucht. Vom Wohnzimmer blickt man direkt auf den See. Das Haus ist stylisch eingerichtet, sogar an Aktivboxen für Handy oder MP3-Player ist gedacht!
Für uns bleibt viel Zeit zum erzählen, kochen, essen, wandern.
Lebensmittel sind etwas teurer als bei uns, aber auch etwas besser.

Zeit für erste Lektionen:
wenn man wo reingeht, fragt man zuerst, ob man bestellen darf und wartet die Erlaubnis ab. Im Café heißt es also: „Darf ich Kaffee bestellen?“
an Zebrastreifen MUSS man Fußgängern Vortritt gewähren
Abfall kommt NUR in das regionale Säckli, das es im Supermarkt zu kaufen gibt. Darüber finanziert man die Abfallwirtschaft - also nach Aufkommen.

Am Sonntag gehen wir gleich wandern. Eine Seilbahn bringt uns hoch, wir gehen den Höhenwanderweg über Amden. Gipfel in Wolken, Sonne, blühende Bergwiesen, bimmelnde Kühe und Wald - wunderbar!
Die Beschilderung gibt ein paar Anlässe zum raten - das ist hier aber öfters der Fall (auch und gerade bei Straßen).

Der Schweizer an sich grüßt gerne, auch beim wandern. Wir grüßen zurück, Grüezi oder Grüezi mitanand, während wir schnaufen und schwitzen. Ich bin völlig außer Puste, grüße aber tapfer zurück. 2 Stunden später steigen wir in den Postbus, zu einem deutschen Fahrer.  

Liechtenstein

Liechtenstein ist 30 km entfernt und lockt mich. Der Rhein ist Grenzfluss. Liechtenstein gehört zum Zollgebiet der Schweiz, Währung ist der Schweizer Franken, nur ein Schild auf der Brücke verrät mir den Übertritt. Das Erste das ich sehe, ist eine Burg am Berghang.

Das Fürstentum besteht zur Hälfte aus Bergen, die hoch und massiv aufragen. Die andere Hälfte ist die Rheinebene, mit Landwirtschaft und Besiedlung. Effektiv gibt es eine Straße, an der sich die Orte aufreihen.
Zwei Minuten später bin ich bereits in Vaduz, der Hauptstadt. Der Verkehr quält sich durch die Stadt, daneben ist Fußgängerzone. Alte Häuser, darüber die nächste Burg, der schwarze Würfel des Kunsthauses, 2-3 Würfel mit Banken, darin auch das Börsen-Café. Touristen aus aller Welt bestaunen Schweizer Souvenirs, Liechtensteiner Briefmarken (ganz viele), Postkarten mit der Fürstenfamilie - leger, oder in voller Festkleidung.
Ich kaufe eine Zeitschrift, die Verkäuferin grüßt mich mit „Grüß Gott“. Ich frage, ob ich fragen darf, warum sie Grüß Gott sagt und wo ich kulturell hier bin. Sie kommt aus Österreich, jeden Tag, zum arbeiten. Aber liechtensteinerisch ist überwiegend vorarlbergerisch, mit einem Anteil Schweizer Wortschatz, erklärt sie mir. Der Rhein als Sprachgrenze?
Im Cafè, ein paar Häuser weiter, heißt es ebenfalls „Grüß Gott“.
Die Burgen schauen übrigens zum Rhein, und über die Ebene.


Über sieben Berge

Am Nachmittag fahre ich über Glarus den Klausnerpass, hoch auf 1.952 Höhenmeter. Bei so mancher Kurve schalte ich in den 1. Gang zurück, fahre hart am Hang und hoch zu letzten Schneefeldern. Die Bergwelt ist atemberaubend - Wasserfälle stürzen Felswände hinunter, grüne Bergflanken, Blick auf grantigraue Gipfel. Dazu bin ich hier.

Der Kanton Uri, vor allem um Altdorf, ist Wilhelm-Tell-Land. Doch ich fahre weiter, Richtung Andermatt, vorbei an Silenen und Göschenen. Ein großer Rangierbahnhof kündigt die Einfahrt in den Gotthardtunnel an, bevor die Züge für 15 km im Berg verschwinden.
Transport ist hier das alles bestimmende Thema. Entlang der Reuss ist flaches Land, mit Orten verbaut, durch die sich die Landstraße schlängelt.
Am einen Rand läuft die Autobahn, meist aufgestelzt; am anderen läuft das Gleis für regionale Züge (die nicht durch den Gotthardtunnel fahren). In einer Schräge am Hang gewinnen sie an Höhe.

Das Hotel Stern und Post war für mich ein echtes Highligt. Stilsicher und behaglich eingerichtet, freundlich geführt und mit guter Küche. Ich sitze auf der Terrasse, bekomme eine Gazpacho mit Brot und Kräckern als Vorspeise (unaufgefordert und ohne Verrechnung!). Die Stoffserviette wird perfekt gestaltet, Gnocchi mit Urser Käsesoße (um die 15,- EUR) sind sehr lecker. So etwas Schönes hatte ich selten gesehen, fühle mich gleich erholt und inspiriert. Immer wieder rattern Züge am Hang entlang.
Um 22 Uhr wird es ruhiger, der Verkehr ebbt total ab, kühler Wind durchs Zimmerfenster verrät mir wo ich bin, es riecht nach Wald und Bergen.

Bei Andermatt geht‘s hoch auf den Furkapass! Wieder enge Kurven, steil am Hang, Bergpanorama und letzter Schnee! Am Ende steht ein einsames Hotel und die Abzweige zum Grimselpass. Also hoch!

Der Grimselpass ist mein Highlight. Enge Kurven hoch und noch höher, auf 2.400 m. Schnee rutscht vom Berghang, gibt braune Flecken frei. Die Gipfel sind alle noch schneebedeckt. Es ist windig, bei 15°C, ich laufe im T-Shirt herum und mache Fotos (Island-Feeling light).
Beim Murmeltier-Park halte ich wieder, und parke neben dem Schnee. Eine Zunge des Schneefeldes schiebt sich in den Parkplatz, von der 5m hohen Fräskante läuft Schmelzwasser, in das ich parken muss.
Der Rhonegletscher ist nicht weit, ich spüre seinen Atem. Die Wiese liegt komplett unter Schnee, darauf eine Lache hellblauen Schmelzwassers.
Die Terrasse des Cafés ist voll, Touristen laufen durch den Souvenirshop, oder auf den Hügel des Murmeltier-Parks, finden aber keine Tiere.
Von hier geht es nur noch abwärts, bei Guttannen halte ich für Fotos, die Temperatur liegt „wieder“ um 30°C.

Nach Interlaken und vor Bern kommt Autobahn und Flachland, eine Stunde später bin ich bereits bei Basel, steuere nach Freiburg im Breisgau.

Breisgau

Der Altenvogtshof liegt wunderschön im Grünen, zu Füßen des Schwarzwalds, und doch nahe zur Stadt. Der Teich lädt zum verweilen. Vorderwälder Rinder (eine alte Rasse), schottische Longhorns und ein Pfauenpaar laufen herum. Es ist wunderbar grün und lauschig. Ich habe mich dort sauwohl gefühlt.

Von hier mache ich einen Ausflug nach Basel. Die Parkhaussuche ist speziell (das wusste ich vom letzten Besuch). Parkhäuser gibt es genug - an was es mangelt, sind Schilder (das alte Thema wieder). Ich habe zwar einen groben Plan, doch der dient nur als Orientierung. Der Wegweiser zeigt geradeaus, dann teilt sich die Fahrbahn. Ah ja. Doch am Postbahnhof, südlich des Zentrums, gibt es mehrere Häuser, und irgendwann erwischt man auch eins.

Basel

Hauptattraktion ist das Basler Münster, auf einer Anhöhe am Rheinufer. Gebaut wurde hier ab 805, das heutige Münster geht aber auf romanische Anfänge von 1019 zurück. Aus rotem Sandstein ragt eine überwiegend gotische Kathedrale empor, mit Doppelturmfassade und Kreuzgang. Das Schiff kommt mir kurz vor, wesentlich kürzer als bei den meisten deutschen oder französischen Kirchen. Doch die Krypta wartet mit bemalten Decken und willkommener Kühle auf. Im spätgotischen Kreuzgang entspannen und zerstreuen sich die wenigen Besucher.

Auf der Rückfahrt halte ich am ersten deutschen Rasthof. Mich trifft fast der Schlag, als ich in den Parkplatz einbiege. Ein älterer Mann liegt hinter einem Auto zusammengebrochen, Angehörige leisten erste Hilfe. Ein Auto des Zolls parkt daneben und hilft. Als ich überlege wie ich mich verhalten soll, knattert ein Hubschrauber des DRF heran und landet auf dem Parkplatz, etwa 30m entfernt. Passanten kommen und schauen, machen Fotos und warten ab. Die Stimmung ist unheimlich. Der Hubschrauber stellt den Motor ab und bleibt stehen, Autos fahren langsam vorbei. Nach einer halben Stunde wird der Verletzte eingeladen, der Heli hebt ab.

Das deutsche Radio warnt mich vor Verwerfungen der Platten unter der Autobahn, die Hitze (35°C) dehnt sie aus, sie stoßen gegeneinander und biegen auf.
Im französischen Radio läuft Power-Musik. Radio Dreyeck (franz.) sendet einen Hinweis für irgendwas, „neben Möbel Müller, an der Bundesstraße troix“. Ah ja.

Freiburg im Breisgau

Freiburg ist eine schöne Stadt, mit mittelalterlichen Häusern und Gassen. Ein Emblem im  Kopfsteinpflaster verrät die Art von Geschäft hinter der Tür, entsprechend sind Schuhe oder Brezeln in Stein gelegt. Durch jede Gasse fließt ein Kanal, ca. 40cm breit und 20cm tief. Kinder planschen darin, Erwachsene sitzen und kühlen ihre Füße. Radfahrer dominieren, als Fußgänger lebt man gefährlich.

Das Münster, aus rotem Sandstein, hat den höchsten Kirchturm „wo gibt“, das Schiff ist ausgesprochen lang. Zur Renovierung des Turms wird Geld gesammelt. Geschäfte geben z.B. Geld, für jeden Meter Bücher, den Schüler lesen (es zählt die Dicke des Buchrückens). Das so aufgebrachte Geld reicht bereits dicke.

Doch das Münster von innen zu sehen, ist praktisch unmöglich. Nicht während des Gottesdienstes - das Schild war gestern Abend schon da - und weicht nicht. Ich gehe um den Bau herum, schaue am Seiteneingang (verschlossen) in den Plan, wann denn Gottesdienst ist. Um 7:00 Früh ist der erste, um 8:00 der nächste, um 9:30, und so weiter - also den ganzen Tag durch. Hier ist die Welt eben noch in Ordnung. Die Freiburger sind auch allesamt nette, gutgelaunte und positive Menschen.
Ach ja: Grufties und Rocker hatte ich keine gesehen.

Nach zweistündiger Fahrt bin ich in Zürich, meiner letzten Etappe. Zwar finde ich auf Anhieb zum Hotel, war mir jedoch nie sicher. Ein paar Schilder mehr wären schön.

Das 24h-Ticket  des ÖV (bei uns ÖPNV) kostet genauso viel, wie Hin -und Rückfahrt. Tram und Bus kommen alle 8 Minuten. Kein Wunder dass die Auto-Einwohner-Dichte geringer ist als bei uns.

Zürich

Zürich ist Schmelztiegel und Pulsgeber der Schweiz. Viele junge Leute sind unterwegs, Asiaten, Juden. Alte Wirtshäuser blieben erhalten, auch Grand Hotels, aus der Zeit um 1900. Am Ufer des Zürichsees, rund um den Bellevue-Platz, ist shopping für jede Preisklasse angesagt.
Das Großmünster kommt mir wiederum kurz vor; schön leer (reformiert), also ohne Bilder und Figuren, in 2 Tönen Grau.

Der Pilatus

Der Pilatus bei Luzern ist eine halbe Stunde Autofahrt entfernt. in 3 Etappen fährt die Gondel hoch. Jana und ich wandern die mittlere Etappe (ca. 2h). Der komplette Aufstieg wäre ca. 5h Marsch. Wiederum keuchen und schwitzen wir, wiederum wünschen wir ein paar Wegweiser mehr.

Die Gondel  bringt uns zum Gipfel, und in die Wolke. Die Aussicht ist fast null, Nebel wabert herum, der letzte Schneehaufen ist Touristenattraktion. Mir gefällt der Berg gerade deshalb. Jana sah ihn bei jedem Aufenthalt in Luzern - als den Berg, den man von überall und immer sieht, der Menschen magisch nach oben zieht. Für sie bleibt es somit ein mystischer und übermächtiger Berg.


Ausklang

In Zürich gibt es Kaffee, in einem Café mit eingebautem Buchladen. Hinter dem Turbinenplatz wurde außerdem eine alte Werkshalle des Schiffbau-Areals mit schicker Glasfassade verhängt und zum Café -und Shopping-Areal umgestaltet. Deckenkran und Stahlpfeiler blieben erhalten.

Das Radioprogramm der Schweiz ist übrigens sehr angenehm. Sendungen werden entspannt und gut recherchiert moderiert. Aufgesetzt gute Laune und schlechte Witze sind ihnen fremd.
Von meinem Zimmer aus sehe ich Züge fahren. Die innerschweizerischen Verbindungen sind gut ausgebaut und häufig befahren. Es ist schön, viel Altbewährtes zu sehen.

Der Schweizer im Arbeitsleben mag keine Hektik, denn sie beruht meist auf mangelhafter Planung - 2 unbeliebte Dinge.
Jobs wie Busfahrer oder Hotelrezeptionist werden oft von Deutschen ausgeübt. Aber auch viele hochqualifzierte Berufe (z.B. Arzt) werden von Ausländern ausgeübt, auch vielen Deutschen. Bedienungen in Restaurants sind oft Frauen asiatischer Herkunft.

In den Fernsehnachrichten sehe ich das Ergebnis eines Antrags der Schweizer Volkspartei, den Zuzug zu begrenzen. Er wird auf breiter Front abgelehnt. Der allgemeine Wohlstand, touristische Infrastruktur und medizinische Versorgung seien sonst nicht aufrechtzuerhalten.
Wir Deutschen sind übrigens nicht per se unbeliebt - nur meist zu vorlaut und zu direkt.

Bei einer „Stange“ (0,33l Fassbier, ca. 3,50 EUR) in einer lustigen Kneipe endet für mich diese überaus interessante Urlaubswoche.

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Das Buch:
Thomas Meyer
„Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“

Geschrieben von einem Züricher Juden, mit vielen jiddischen Ausdrücken.
Schön, dass sich das in der Schweiz erhalten hat!

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Das Buch:

"Rasthof des Jahres"


An einem Rasthof an der A5 kritzelte ich meine Ideen und den Plot zum Arbeitstitel "Rasthof des Grauens" zusammen – als plötzlich der Rettungshubschrauber kam, und alles durcheinander wirbelte. Schon war mir die neue Handlung klar, und aus dem Rasthof des Grauens wurde der "Rasthof des Jahres".

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Ein paar Worte Schweizerdeutsch:
Huhn = [pullä] poulet
rückwärts = [rrrétur] retour
Eiskrem = [glásss] glace
Eisbude = Gelatería
Danke = merci
Göschenen Airolo, Airolo Göschenen = hier rein, da raus (nach den beiden Enden des Gotthardtunnels)


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so sehen die Stromstecker aus