Schottland + England, August 2013
(Großbritannien / United Kingdom)

Zitat:
„Nach Großbritannien fahren ist wie heimkommen.“
ich

Aber dazu muss man erstmal hinkommen. Und das geht so:
Früh um 04:00 in München losfahren, zur Fähre in Zeebrugge, Belgien. Großes Stau-WE war angesagt, aber wir waren schneller.

In Belgien kann man Radio hören (Radio 1) - die Musik ist breit gefächert (mehr als der übliche Pop), die Moderatoren sind angenehm, das Frohsinns-Diktat gilt hier nicht.
In Knokke-Heist (direkt neben Zeebrugge) vertrödeln wir Zeit. Am Strand ist Sause, grelles Licht und salzige Luft weht rüber. Im Café (De Bolle) blödeln wir mit dem Junior-Chef, zum Kaffee gibt es Eierlikör (weitere Becher stehen schon bereit).

Dann geht es auf die Fähre (kein Gas oder Benzinkanister an Bord mitführen!), der Service ist fest in asiatischer Hand. Wir tauschen unser ganzes Geld an Bord um, kommissionsfrei, und zum üblichen Kurs.
Zum Frühstück gibt es Ausblick auf flaches Land mit Industrie-Skyline. Ein kurzer Smalltalk mit dem freundlichen Polizeibeamten bei der Passkontrolle in Hull - willkommen in England!

ENGLAND - auf Durchfahrt

Nach ein paar Kreisverkehren (ca. 20) sind wir auf der Autobahn, lassen Hull hinter uns. Humberside ist flaches Farmland, auf dem immer wieder ein Kohlekraftwerk steht (mit schwarzen Rändern an den Kühltürmen).
Am Autobahnkreuz steuern wir den Rasthof an. Runter, in den Kreisverkehr, der beschrifteten Spur „Services“ folgen. Statt Schildern sind die Ziele auf den Teer geschrieben, das verhindert Verwirrung. Und nie vergessen: links fahren!

Yorkshire ist Farmland, vom Wind zersaust, mit Bäumen und Flüssen in dunklen Farben. Die Landstraße geht rauf und runter, meist stangengerade und einfach über die Landschaft geteert. Rauf runter, Achtung Senke, wieder rauf ... Auf den wenigen Schildern steht z.B. das hier: „73 Unfälle in den letzten 3 Jahren, bitte vorsichtig fahren“. Ah ja.

In der Mitte eines Ortes steht die Ruine eines Schlosses, einfach so, Wind pfeift durch. Kein Wunder, dass es in Großbritannien so viele Spukgeschichten gibt.

Vor dem Pub stehen Männer mit Sakkos und trinken Bier. Es ist Sonntag, mittags um eins.
Dann wieder raus, Hügel rauf, und runter ...

Das „Letzte Café Englands“ kommt genau richtig. Ein altes Haus wurde umfunktioniert. Zu Ofenkartoffel mit Bohnen und Käse, und Hot-Bacon-Roll (warmes Brötchen mit gebratenem Bacon, der eher dünnes Fleisch denn Schinken ist) sitzen wir im Wintergarten, schauen ins Grüne, wo ein Festzelt abgebaut wird, Wolken vorbeiziehen und der Wind durch schiefe Bäume wispert. Es ist, als wären wir zu Gast bei einer Familie, in deren Haus - aber irgendwie sind wir das ja auch.
Zur Toilette geht‘s die Treppe hoch, eine alte, knarzende Holztreppe, mit Teppich und lackiertem Geländer. Oben steht eine Blume auf einer Säule vor einem großen Fenster mit weißem Holzrahmen. Wohnen hat hier einen anderen Stellenwert, entsprechend gemütlich ist es in den Häusern. Wir fühlen uns schon fast daheim ...

Das Gebiet um die Grenze ist kaum bewohnt, den Aussichtspunkt an der Grenze lassen wir aus. 35h nach Aufbruch sind wir da!

SCHOTTLAND

Entgegen einer alten Spaß-Postkarte fahren wir ab der Grenze NICHT in eine Wolke, in der Schafe und Dinosaurier herumlaufen, und Baumstämme heraus fliegen.

DRYBURGH ABBEY
Bei St Boswells, Nähe Galashiels, biegen wir ab zur Dryburgh Abbey [Dreiboro], die als Ruine gepflegt wird. Schöne, große, alte Bäume prägen den Park, der Rasen ist gepflegt.
Gegründet wurde das Kloster im 11. Jh., zerstört im 15. Jh, als englische Truppen in Schottland einmarschierten. David Erskine, Earl of Buchan, ließ den Park anlegen (1780er), Sir Walter Scott entdeckte die Ruine für sich, und ließ sich dort begraben.
Wir haben Sonne, einen warmen Tag, tolles Licht und fühlen uns wohl im Park, in der angeblich schönsten Ruine Schottlands. 


Einschub Kloster: Das Gebet eines Mönchs ist wertvoller als das eines Laien, z.B. um den armen Seelen im Fegfeuer zu helfen. Es ist das wertvollste Gebet überhaupt. Also gründeten viele Landbesitzer (=Adlige) ein Kloster. Und wer weiß - vielleicht hilft es auch ihrem eigenen Seelenheil ... 
Das führte im Übrigen dazu, dass Klöster immer reicher wurden - und sich von ihrer Grundidee der Askese immer mehr verabschiedeten - was wiederum mehrere Klosterreformen verursachte ...
    Quelle: Schautafel in der Dryburgh Abbey


MELROSE ABBEY
ist gleich nebenan (ca. 3 km), und für mich persönlich die schönste Ruine. Im Unterschied zu Dryburgh stehen noch Teile des Dachgewölbes. Man erkennt die Seitenschiffe, aber in deutlich unterschiedlicher Breite. Nach der ersten Zerstörung 1385 wurde sie wiederaufgebaut. Deshalb wirkt manches hier „schief“. Drumherum stehen viele alte Grabsteine, verwittert und manche schon seeeehr schief. 



EDINBURGH
[Äddnboro] ist Hauptstadt Schottlands und Stadt der Kultur - trägt übrigens seit ein paar Jahren auch den Titel „Stadt der Literatur“.
Die Stadt wurde überwiegend aus dunklem Stein gebaut, und die Altstadt war im Mittelalter eine der am dichtest besiedelten.
Die Royal Mile zieht sich etwa 1,8 km von Burg zu Schloss, deshalb „royal“. Oben steht das Castle, unten der Palace of Holyroodhouse, in dem z.B. Maria Stuart lebte, in dem auch ihr italienischer Sekretär (und Vertrauter) ermordet wurde.
Dazwischen spielt sich „der Rest“ ab, Z.B.: Tolbooth (Gefängnis), St Giles Cathedral (Hofkirche, deren markanter Turmhelm eine Krone darstellt), Lawnmarket (Platz, der regelmäßig für Hinrichtungen genutzt wurde), jede Menge Souvenirläden und noch viel, viel mehr Touristen ...

Deacon Brodie‘s Tavern erinnert an eine zwielichtige Gestalt früherer Zeiten (Deacon Brodie). Tagsüber rechtschaffener Mensch, nachts ein Zocker, Dieb, Herumtreiber - und somit Vorlage für Dr Jekyll und Mr Hyde.

Dunkle Passagen führen immer wieder hinab zu den Nebenstraßen. Kein Wunder, dass es hier von Geistern nur so wimmelt. Und das Angebot an allabendlichen Walking-Tours ist genauso reichhaltig.
Im August läuft obendrein das Fringe-Festival. Die Stadt ist voll mit Veranstaltungen, und die Royal Mile mit Verkleideten, die für ihren Auftritt werben.

Im „Elephant House“, einige Ecken weiter, verbrachte J.K. Rowling viel Zeit mit schreiben, ein Zettel am Fenster weist darauf hin. Wer ihren Spuren folgen will: verbringt viel Zeit mit anstellen.

Uns genügt die Camera Obscura, in einem Turm, gleich unterhalb des Castles. 1853 wurde ein Periskop eingebaut, um die Umgebung auf einen weißen Holztisch zu projizieren. Mit Papierstückchen kann man Fußgänger „aufpicken“. Eine nahe Schule diente J.K. Rowling als Vorlage für Hogwarts; das Scott-Monument, eine neugotische Turmhaube, ist das größte Einzelmonument für einen Schriftsteller. Es steht in den Princes-Street-Gardens, die früher das „Loch Nor“ oder „North Loch“ waren - ein Sammelbecken für die aus den Fenstern gekippten Abwässer, also eine Kloake. Als sie trockengelegt wurde, kamen ca. 300 Skelette zum Vorschein - hauptsächlich aus Gottesurteilen. Ging die Gefesselte unter, war sie keine Hexe, ertrank, ihre Familie erhielt ein Entschuldigungsschreiben. Trieb sie auf, war sie eine Hexe, und wurde verbrannt.

Eine interessante „Stadtführung“, ohne selbst gehen zu müssen.
Auch sonst dreht sich im Turm alles um optische Spielereien: Spiegeltricks zum anfassen, Hologramme, ein Spiegellabyrinth und (mein Liebling), der Vortex-Tunnel. Ein Steg führt 5 Meter geradeaus. Um ihn herum rotiert eine Röhre, in bunten Farben. Eigentlich ganz einfach. Kaum drin, sieht es aus, als kippe der Steg. Man lehnt sich dagegen - und hängt am Geländer. Saukomisch.

Auf der Straße hält uns ein (angeheiterter) Schotte, älterer Mann im Kilt, auf. Wir müssen lächeln, damit wir passieren dürfen. Nett!

Um 13 Uhr passiert in der Stadt Folgendes: am Nelson-Monument, einem Turm am Calton Hill, fällt der Zeitball - eine Kugel fährt einen Masten auf und ab. Zeitgleich wird drüben auf dem Castle der Ein-Uhr-Schuss aus der Kanone abgefeuert. Ein Relikt aus der Zeit, als Schiffe unten am Forth ihre Instrumente danach justierten.

Abends gibt es Fish‘n‘Chips, die es im ganzen Land wirklich überall gibt. Mein Tennants-Bierglas ist voll mit Blödsinn - spätestens jetzt fühle ich mich daheim!
Beispiele:
-Das einzige Land, das vom Regen schöner wird
-wo es 10-Pfund-Scheine gibt, die man nur hier ausgeben kann (Banknoten der Bank of Scotland UND der Clydesdale Bank können in England abgelehnt werden!)
-frittier es, bevor du‘s probierst (fry it before you try it)

ROSSLYN CHAPEL
Im kleinen Ort Roslin, mit dem Auto 15-30 Minuten südlich von Edinburgh, ist eine weltberühmte Kapelle. Als private Grablege um 1460 spätgotisch begonnen, ausgeschmückt mit reichlich Figuren und Verzierungen. Im 18. Jh. war sie völlig heruntergekommen. Auf Geheiß einer jungen Frau, Queen Victoria, die auf Durchreise vorbeikam, wurde sie restauriert - und diese Phase dauert noch an.

Für Verschwörungstheoretiker ist sie ein Mekka. Unter ihr liegen begraben: Der Heilige Gral, ein Alien-Raumschiff, Elvis Presley (gefunden wurde aber nichts).
Viel Geld kam, als Hollywood hier das Ende von Dan Brown‘s „Sakrileg“ filmte.

Und wie kam jetzt der Gral hierher? Der Erbauer war Mitglied der Templer, die ihn -der Sage nach- bei einem der Kreuzzüge aus dem Heiligen Land mitbrachten. Besonders stark vertreten waren die Templer in Frankreich. Dort wurden am 13. Oktober 1307, einem Freitag, in einer konzertierten Aktion, alle Templer gefangengenommen, der Templer-Orden damit zerschlagen. 12 Ritter entkamen.

Bis zur Erbauung der Roslyn-Chapel fehlen also über 150 Jahre ... 
Da der Erbauer aber Mitglied der Templer war, ist für viele klar, dass der Gral hier sein muss ...

Und was ist überhaupt ein Gral? Die Antwort darauf weiß keiner, das macht ihn ja so mysteriös ... Am wahrscheinlichsten handelt es sich um eine Reliqiue, die heiligste die es gibt. Historiker tippen auf einen Kelch, mit dem Blut Christi gefüllt. In der Hochzeit der Reliqiuen-Begeisterung natürlich heißbegehrt, später in Vergessenheit geraten ...

Mehr Verschwörung gefällig?
1398 unternahm Prince Henry, Prince of Orkney, eine Expedition mit Antonio Zeno, einem venezianischen Seefahrer. (Die Zeno-Brüder waren angeblich viel im Nordatlantik unterwegs). Die Reise brachte sie nach Neufundland, Nova Scotia, wo die Crew bei den Micmac-Indianern überwinterte, während Prince Henry weitersegelte, und in Massachusetts landete. In Westford, Mass., erinnert ein in Stein geschnitzter Ritter daran. (Eine Bestätigung konnte ich nirgends finden, Anm.d.Verf.)

Das erklärt auch, warum ein Fenster der Kapelle mit steinernen Maiskolben verziert wurde, die zur Zeit des Baubeginns in Europa gar nicht bekannt gewesen sein können.

Die Nordatlantik-Karte der Zeno-Brüder stellte sich übrigens als Fälschung heraus. Am wahrscheinlichsten hatten sie Berichte Anderer in einer Karte zusammengefasst. Viele Inseln auf ihr existieren gar nicht. Vermutlich sollten sie die Entdeckung Amerikas nachträglich für Venedig reklamieren...

(Island-Touristen http://wortlaterne.blogspot.de/2012/07/reisebericht-island-2012.html wissen natürlich, dass Leif Eriksson bereits im 9. Jh. kanadischen Boden betrat. Und der stammte aus Island.)

Für uns geht die Fahrt ebenfalls nach Norden, aber nur bis zum Loch Ness. In Invermoriston finden wir herzliche Aufnahme im Bracadale, bei Carol und Bob, wo wir uns sehr wohl fühlen. Nochmals vielen Dank für die Gastfreundschaft!

LOCH NESS

Unsere Umrundung des Loch Ness, auf der ruhigen Südroute, bringt uns viele Monster-Sichtungen. Ein Moorhuhn läuft über die Straße, ganz viele überfahrene Tiere zieren die Straße. Wellen kräuseln sich längs auf dem Loch, mit viel Fantasie kann man etwas Schlängelndes hineininterpretieren.

Nessie-Souvenirs jeder Art gibt es in Drumnadrochit. Hier starten auch die meisten Bootstouren auf dem Loch.

In Inverness bleibt Zeit zum einkaufen und umschauen. Viel Lustiges gibt es in den Shops zu sehen.
Im Spielzeugladen gibt es folgende Spiele: Terrible Tudors, Rotten Romans, Frustration, Seltsame Todesursachen. Oder die Baukästen: Funktionstüchtiger Vulkan, Explosive Experimente.

Glückwunschkarten: Schön oder lustig, zu jedem Anlass. (z.B. „Zum Geburtstag, von Deinem Bruder), oder frech („Hey Du, ja Du, der alte Sack da!“). Einige Sprüche wären bei uns schon über der Schmerzgrenze, aber hier ist Humor wichtiger. 

Wie zum Beispiel das hier: "Where's your birthday party at? - Never end a question with a preposition! - Where's your birthday party at, bit*h?"
Alles was makaber ist, bad taste, kurios etc., ist hier beliebt.

Im Buchladen: Briten (und Iren) schreiben und lesen viel. Bücher sind grafisch wesentlich schöner gestaltet als bei uns, geprägtes Cover, Illustrationen die den Text ergänzen, und natürlich: Nimm-3-Zahl-2 uvm. Und schon hatte ich 7 Bücher auf der Tour gekauft... Nicht fehlen dürfen natürlich die Klassiker, die nach wie vor in Ehren gehalten werden.

Die wichtigsten Genres sind diese drei: Fiction, Crime und Horror. (Ja, das sind voneinander getrennte Genres). (nix "Fantasy")

Bier: sehr schönes Bier. Viele Bio-Biere („organic“) aus kleinen Brauereien, mit schönen Etiketten - düster und geheimnisvoll (à la „Dark Island“ o.ä.), historisch, süßen Comictieren, uvm. Oder Punk-Bier (Dead Pony Club, IPA Punk): „Und wenn‘s euch nicht schmeckt, ist uns das auch egal“.

Theakstons sponsert übrigens einen Krimi-Wettbewerb. Als Appetizer ist auf jeder Flasche ein Kürzest-Krimi aus exakt 10 Worten abgedruckt.
Bier und Literatur gehören auf den Britischen Inseln einfach zusammen.

ISLE OF SKYE
Ein Tagesausflug bringt uns dorthin. Vorbei am Schlachtfeld von Glen Shiel (wo abgeholzte Bäume herumliegen - als ob die Schlacht erst neulich gewesen wäre), den Five Sisters, und Eilean Donan Castle, DEM „Märchenschloss“ und Motiv für viele Keksdosen und Postkarten. Obwohl hier schon lange Burgen standen, ist das jetzige Schloss aus dem 19. Jh.

Eilean Donan Castle - Motiv vieler Keksdosen ...


Über die Skye Road Bridge (gratis) kommen wir auf die Hebriden-Insel Skye, und fahren einmal um die Halbinsel Trotternish. Trotz anfänglicher „Karawane“, mit vielen Wohnmobilen, verteilt sich der Verkehr nach und nach. Man fährt Berge rauf und runter, und immer wieder an der Küste entlang. Nach jeder dritten Kurve ist man woanders, die Landschaft ändert sich immer wieder. Die Runde dauert 3 Stunden.
Wer auf gut Glück kommt: die meisten Häuser waren ausgebucht.

Per Flyer wird hier für ein Zombie-Abwehr-Tutorial, nächsten Samstag, für das Worst-Case-Szenario, geworben. „The real science behind a Zombieism-Outbreak“. Ab 13 Jahre.


GLENCOE
Südlich von Fort William fährt man ins Tal von Glencoe („Glen“ ist das gälische Wort für Tal). Berüchtigt wegen einer Schlacht zwischen 2 Clans, bekannt für seine atemberaubende Berglandschaften. Und wirklich: wir fahren das Tal einmal auf und ab, nutzen fast jeden Parkplatz. Wolken ziehen über die Berge, geben immer wieder Sonnenlicht frei, das einzelne Berge in dramatisches Licht setzt.

BLACK ISLE
Ein letzter Tagesausflug bringt uns zur Black Isle, nordöstlich von Inverness. Chanonry Point bei Fortrose ist bekannt für seine Delfine. Und wirklich: nur 20m von der Schotter-Zunge entfernt tummeln sie sich, springen auch immer wieder.

Fortrose Abbey                                                                                     Das Eisauto darf nicht fehlen          Delfin am Chanonry Point

 

Das Wetter in Schottland: fast täglich Wolken, auch Regen, bei Temperaturen von 13-20°C. Allerdings kein Dauerregen, die Wolken ziehen rasch weiter.


Für uns endet die Zeit hier oben, wir fahren einen ganzen Tag nach Whitby in Yorkshire, England. Dort verbringen wir noch 3,5 Tage. Das Wetter hier: Sonne und Wolken, Temperaturen um die 20°C.

Fernsehen
Schöne Sendungen zu Wissenschaft und Geschichte, von äußerst entspannten Moderatoren effektfrei und sehr angenehm gestaltet. Nicht umsonst ist die BBC Flaggschiff guter Dokus ... (Auch hier gilt das Gute-Laune-Diktat nicht, was ich persönlich sehr angenehm finde)


Wer Unterhaltung vorzieht: bekommt die volle Breitseite. Z.B. in einer Quizshow - 2 Teams raten Meinungen der Bevölkerung zu bestimmten Fragen. Wichtiger als die Antwort ist jedoch, dass sich die Teams untereinander veräppeln. Mit in einem Team: die beiden Jedwards aus Irland.

In Schottland gibt es außerdem 1 Radioprogramm (BBC Scotland) mit gälischen Stunden, sowie 1 TV-Sender (BBC Alba) komplett in gälischer Sprache.
Außerdem sind alle Wegweiser und Ortsschilder in Schottland zweisprachig (englisch, und gälisch - der alten keltischen Ursprache, die Schotten und Iren gemeinsam haben).

(in Irland http://wortlaterne.blogspot.de/2012/04/retro-reisebericht-irland-1994.html war das schon immer der Fall, in Schottland ist es neu ab etwa 2000)


ENGLAND

WHITBY
Whitby ist eine kleine Hafenstadt an der Nordsee, in Yorkshire. Captain Cook stammt aus der Region, Graf Dracula ging -fiktiv- hier an Land. Die riesige Ruine des Klosters thront über der Stadt, weithin sichtbar, gibt ihr einen unheimlichen Touch.
Schwarzgewandete wandeln auf Draculas Spuren durch die Gassen der Stadt. Den zugehörigen Roman gibt es hier für jede Altersgruppe aufbereitet.
Fish‘n‘Chips sind weithin Magnet für die Einheimischen - am Fischereihafen wird der Fisch frisch angelandet.

WHITBY ABBEY
199 Stufen führen hinauf, der Weg oben führt durch einen alten Friedhof. Seit 657 stand ein Kloster an dieser Stelle, der jetzige Bau stammt aus dem 11. Jh.
König Heinrich VIII. löste 1539 das Kloster auf, seitdem verfiel der Bau. Im 16. Jh. stand z.B. der mächtige Vierungsturm noch.
Heute ist hier ein mächtiger Rummel. Für Kinder gibt es z.B. Ritterübungen mit anschließendem Ritterschlag.

Whitby Abbey                                                                                        

Das Eisauto darf nicht fehlen

 

Yorkshire Moors:

                                                                                                                   Das Eisauto darf nicht fehlen

RIEVAULX ABBEY
riesige Klosterruine aus dem 11. Jh., am Rande der Yorkshire Moors. Was im Jahr 1132 mit 12 Mönchen aus Frankreich (Clairvaux) anfing, war 30 Jahre später bereits auf eine Gemeinde von 650 Mönchen angewachsen. Von hier begann die Missionierung Nordenglands und Schottlands.
Die Anlage liegt abseits der großen Straßen, und weit weg von größeren Orten. Im Gegensatz zu Whitby laufen hier nur wenige Menschen herum. Die Ruine besticht durch ihre Größe und Weitläufigkeit -eine Einladung zum totknipsen.

Robin Hoods Bay
ist ein altes Schmugglernest. Hier wurde Ware „angeliefert“, und unter Umgehung der teuren Steuern schwarz verhökert. Whitby hingegen, 10 km nördlich, war der „offizielle“ Hafen. Die Straße führt direkt nach unten, dort Parkplatz, Restaurants, und viele Touristen.

Saltburn-by-the-sea
Ist ein altes Seebad, eine Zahnradbahn verbindet die Stadt (oben) mit dem Strand (unten). Auf dem alten Pier steht, wie in englischen Seebädern üblich, eine „Spielhölle“. Das Geländer des Piers, zumindest ein Teil davon, ist mit Strick -und Häkel-Figuren verziert.

YORK
York ist eine nette, alte Stadt, mit vielen bunten Läden. Da die Stadt nie zerstört wurde, stehen viele alte Fachwerkhäuser, Läden mit bunten Schaufenstern und Türrahmen. Ab und an gerät die hölzerne Wendeltreppe nach oben ins wanken, oder man tritt in ein Loch im Fußboden -die Läden sind eben wirklich alt. Aber genau das macht ja den Charme aus ...
York Minster (10 Pfund pro Person!) ist die größte mittelalterliche Kathedrale in England, und voll erhalten. Ihr mächtiger Turm sitzt auf der Vierung -was man in dieser Wuchtigkeit „auf dem Kontinent“ nicht findet. (In Whitby war das auch der Fall, dort stürzte der Turm jedoch ein).

SCARBOROUGH
hat den Charme eines alten Seebads, das schon mal bessere Zeiten sah.
Am Strand tummeln sich Touristen (im Meer schwimmt kaum einer), mehrere Spielkasinos; eine Bude imitiert das orientalische Gebäude von Brighton; viele Imbissbuden.
Es wirkt wie einer der Prototypen für Las Vegas.http://wortlaterne.blogspot.de/2013/05/reisebericht-usa-southwest-2013.html

Hull
Im Fish‘n‘Chips Take-Away werden Fischfilets „live“ paniert, braten dauert dann 5 Minuten.
Sauberkeit der Läden: wird in einer „Ampel“ mit 5 Punkten angezeigt => Kunde entscheidet selbst (wird aber auch entsprechend informiert, um es entscheiden zu können)


Mit gemischten Gefühlen stehen wir am King-Albert-Dock in Hull zur Fähre an.
Vor uns liegt Belgien, mit freundlichen Menschen, angenehmen Autofahrern, gutem Radio und Riesensupermärkten französischer Ketten (wo wir letzte Souvenirs einkaufen).

Bei Deutschland denken wir zuerst an: Provinzialität, Egoismus, notorische Blinkverweigerer und einen Kampf Jeder-gegen-Jeden.

Hinter uns liegen 2 Wochen in der Zivilisation, mit äußerst höflichen Menschen, geduldigen Autofahrern, heimeligen Häusern, grafisch liebevoll gestalteten Etiketten, Broschüren und Büchern, sowie viel echtem und schrägem Humor.

Wir haben uns beide sehr wohl gefühlt. Tee, Kekse, Humor, Bücher, TV, Umgangsformen entsprechen unserem Geschmack, und in den Häusern ist es immer gemütlich. So weiß ich jetzt, warum Fahrten nach Großbritannien sich wie heimkommen anfühlen.


Noch ein paar praktische Sachen:

Tee
Tee ist Menschenrecht. Gibt es praktisch überall. Kommt im Kännchen, Größe nach Trinkern (z.B. als Tea-for-two), mit einem Kännchen H-Milch und einer kleinen Kanne heißen Wassers. Die Beutel bleiben in der Kanne, je schwärzer der Tee wird, desto mehr Milch oder Wasser kippt man dazu. Tee ist immer schwarz und kräftig. Inzwischen gibt es aber immer mehr „Specialty Teas“, wie Darjeeling oder Früchtetees (die heißen übrigens „herbal infusion“, in etwa: Kräuteraufguss).

Jedes unserer Zimmer hatte einen Teekocher, Kanne und Tassen, Teebeutel und Tütchen mit Instant-Kaffee. Wenn man sich im Zimmer keinen Tee kochen kann, ist man ja nur ein halber Mensch ...

Kaffee
Immer mehr Coffeeshops und italienische Kaffees in den Teestuben. Platzhirsch unter den Coffeeshops ist Costa (eine britische Kette), Starbucks sieht man selten. 


Für Selbermacher:

Fähre
KEIN Gas oder Benzinkanister mitführen!
WICHTIG: An das Auto kommt man während der Fahrt nicht ran. Heißt: alles nötige Gepäck gleich mitnehmen - am besten zuhause schon vorpacken.
Handtücher und Seife sind vorhanden, Fön nicht (Steckdose hat noch EU-Stecker)

Wir hatten direkt über die P&O-Seite gebucht.

Unterkunft
Wir hatten B&B-Häuser (Bed and Breakfast) über Internet vorgebucht. Vergleichbar mit einer Pension - so hat man auch Kontakt zu den Bewohnern.
Zum Frühstück gab es immer warme Speisen, die man kombinieren kann, z.B. Rühreier/gekochte Eier, Bacon, Bohnen, Porridge (vgl. m. Grießbrei, also süß), Pilze, Würstchen, ..

Und ganz ehrlich: man gewöhnt sich gleich daran (ich selbst frühstücke normal nur süß), und es hält den ganzen Tag lang vor.
Beim Frühstück überbieten sich die Häuser um Frische, Auswahl, Qualität und Service.
Und alle Zimmer hatten Wasserkocher, Tee & Kaffee, Bad+WC, Fernseher. 


Unsere Häuser (alle uneingeschränkt empfehlenswert): 

Edinburgh: Airlie Guesthouse (perfekter Service, und Parkmöglichkeit fürs Auto)
http://www.airlieguesthouse.co.uk/

Invermoristion (am Loch Ness): Bracadale Guesthouse (Bob und Carol sind gute Seelen, die sich einen daheim fühlen lassen): 

http://www.bracadale-lochness.co.uk/attractions.html


Whitby: Haven Crest (perfekter Service, Meerblick und Parkmöglichkeit fürs Auto)
http://www.havencrest.co.uk/index.html



Wie geht Kreisverkehr?
Hauptsächlich mit Augenmaß und Rücksicht / Vorsicht. Faustregel:
will man die erste Ausfahrt (= links) nehmen: links einsortieren, links blinkern, warten bis nichts kommt, und rum ums Eck
will man weiter: rechts einordnen, vorsichtig rum, und immer schön blinkern!
Bei größeren Kreiseln gibt es eine Spur pro Ausfahrt, Ziel oder Straßennummer stehen auf die jeweilige Spur geschrieben. Immer dieser Spur folgen, und man wird von selber richtig „ausgeworfen“. 




Autobahn: gebührenfrei. Höchstgeschwindigkeit ca. 112 km/h.

Im Restaurant:
einfach am Eingang warten, bis man abgeholt wird oder einen Platz gezeigt bekommt. So hat der Kellner einen auf dem Schirm, und der Service ist flott und aufmerksam.

In der Cafeteria:
erst einen Platz suchen (wenn man eine warme Speise möchte), dann zur Theke, die wie in der Kantine aussieht. Dort bezahlt man auch, und Speisen werden ggf an den Tisch gebracht.



Ganz grundsätzlich ist aber alles sehr europäisch, also sehr ähnlich zu uns.
Und ihre Eigenheiten? Ich persönlich finde, sie betonen ihre Eigenheiten gerne, um sich ein wenig vom Kontinent abzugrenzen. 


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KLANGKISTE

so klingt Schottland
Bei dem stetig hohen Output an guter Musik wird man nicht fertig. Und mein Reportoire ist nicht wirklich aktuell. 

Albannach - Eine halbwegs neue Band.
Mit Dudelsack und Pauken (Pipes'n'Drums), wie sich das gehört, und Spaß an der Musik: 
http://www.youtube.com/watch?v=l0mypcwk2M4
(Das Ding im Hintergrund ist übrigens das Scott-Monument in Edinburgh)


Runrig "Loch Lomond" (Live Version)
Runrig starteten Ender der 1970er, aber rocken immer noch die Arenen. "Loch Lomond" ist ein altes Volkslied, hier in der unverwüstlichen Mitgröhlversion: (ab 3:00 wird es schneller)
http://www.youtube.com/watch?v=Y2GJIxe0tn4

Auch immer gut: 
Wolfstone "Tinnie Run"
http://www.youtube.com/watch?v=QVpfCFgnISM


Roaring Jack "Destitution Road": 
http://www.youtube.com/watch?v=P0eHshQxiZQ
Auch wenn der Sänger einige Zeit in Australien lebte - der schottische Akzent ist unverkennbar. 
Und darum gehts: Nach fataler Kartoffelfäule in den 1840ern (auch in Irland), kam Hilfe aus England. Doch ohne Gegenleistung wollte man in der frühindustriellen Zeit nichts geben, also mussten die Schotten Straßen bauen, vornehmlich in die Täler der Highlands. 
Die Highlands sind dort, wo sich finstere Clanleute zu Aufständen zusammenrotten - und eben auf diesen Straßen konnte die britische Armee dann schneller einmarschieren. 
Viele Schotten wanderten aus, über den wilden Atlantik, eben auch auf "Armutsstraßen" - "It's time to hump y'ur load, across the wild atlantic, on the destitution road..." 


Eine lustige Version von "Loch Lomond", mit einer drogenverherrlichenden Text-Variation, gibt es auch von Marillion, und deren (früherem) schottischen Sänger Fish: 

Marillion "Margaret" (live):

http://www.youtube.com/watch?v=ImcFsu6DvTM


Hier noch der Refrain - zum mitgröhlen: 
"You take the high road, and I take the low road. And I'll be in Scotland before you. 
Where me and my true love, will never meet again - on the bonnie bonnie banks of Loch Lomond."

(Das Lied stammt aus der Zeit des Jakobiten-Aufstands um Bonnie Prince Charlie. Aber das ist ein Kapitel für sich ...)