Abtei Niederaltaich
Entschleunigung im Kloster

inkl. Straubing

August 2017


Ihr seid durch den Himalaya getrampt, chantet buddhistische Verse, habt mit Aboriginals und First Nations getanzt, wart in Goa? Gut. Ihr kennt euch im Mittelalter aus? Besucht Mittelalterfeste, trinkt Honigbier, hört die Dudelzwerge? Auch gut. Aber echte Mönche besuchen?

Urlaub im Kloster bieten viele Häuser an, auch in meiner Nähe. Für einen Tag Freizeitausgleich bzw. ein verlängertes Wochenende ist es für mich das Richtige, um „von dem ganzen Schmarrn runterzukommen“ (O-Ton Verfasser). Oberbayern ist hierfür 1. zu posh und 2. ausgebucht. Niederbayern ist ruhiger, abgelegener (und auch günstiger). Also los!

Gleich hinter Landshut prügeln Dickschiffe (mit CHA und DEG-Kennz.) gnadenlos vorbei. Ein Porsche drängt sich in der Ausfahrt vor, zieht zurück auf die Autobahn, quetscht sich 2 Autos weiter vorne wieder in die Ausfahrt. Willkommen in Niederbayern.

Bayrischer Wald (Spazierfahrt)
Hügeliges Land, viel Wald. Ständig geht die Straße rauf und runter. Es ist voller Hügel, alle Wege gehen nur quer rüber. (im Gegensatz zu den Alpen, wo man zwischen den Bergen, also die Täler entlang fährt).
In Regen halte ich an. Es ist eine alte Stadt, an einem Fluss (Schwarzer Regen), eng und kurvig. Am kleinen Stadtplatz ist das In-Café.

Auf dem Weg nach Hengersberg stehen 2 Störche auf dem Feld, trinken aus der Rinne, staken herum, einer legt sich hin.
Ein Mann hält den Daumen raus. „Fahrst du Richtung Freyung?“ Leider nein, eher Hengersberg (= komplett anders). „Guad, danke, servus pfiadi.“ Es geht lustig zu.
So endet meine 2h-Extratour und ich komme an.


Kloster Niederaltaich
Anno Domini 731 gegründet, eines der größeren und bedeutenderen Klöster im östlichen Bayern, leistete Kultivierungsarbeit, war an der Gründung von etwa 120 Orten in der Region, im Bayrischen Wald, bis nach Böhmen hinein beteiligt.
Die gotische Basilika wurde barockisiert, ist in ihrem Grundriss aber noch erhalten. Nach einer wechselvollen Geschichte und dem drohenden Aus um 1813 (Blitzschlag), ging es langsam wieder aufwärts.
Heute ist es (wieder) eine Abtei, das heißt ein eigener und selbstgewählter Abt steht den Mönchen vor – das ist eine Stufe höher als ein Kloster. Die Bruderschaft sieht sich als „Brücke zum Osten“, in Ökomene aus römischem und byzantischem Ritus.


Vor dem Abendessen schaue ich in die Basilika, dort läuft noch die Vesper. Ich bin noch zu aufgebracht und spaziere lieber.
Zum Abendessen gibt es ein kleines und feines Buffet in einem kleinen Raum, Nachschub durch die Durchreiche aus der Küche, dazu Wasser oder Früchtetee - Jugendherbergsfeeling live. Ich lerne die anderen (7) Besucher kennen. Ein Mönch auf Urlaub, 2 Pilgerrentner, Sinnsucher, Normalos die sich über alles aufregen können.

Es gibt 3 öffentliche Gebetszeiten. Ich habe sie alle besucht, jedoch an 3 verschiedenen Tagen. Ich bin ja nicht zum Spaß hier (Running-Gag seit 1993).

Da nicht viel los ist, besuche ich die Komplet um 19:30. Zum Nachtgebet versammeln sich 5 Mönche und 4 Besucher. Ein junger Mönch liest einen Abschnitt aus der Bibel. Der Rest besteht aus wechselseitigen Gesängen. Ein Bruder singt vor, die Gruppe antwortet, in gregorianischem Stil, ruhig, hypnotisch. Ich brauche nur zu stehen und vor mich hin zu träumen, den Rest machen die Mönche. Nach 20 Minuten gehe ich aufs Zimmer und bin tiefenentspannt - am ersten Abend. Der Rhythmus der Gesänge hat auf mich übergegriffen ...
Randnotiz: kein einziger Mönch faltet seine Hände. Entweder hängen sie am Körper herab, oder verschwinden in der Kutte. Zwei von ihnen lehnen sogar an der Wand, auch beim singen.


Sonntag
05:02 Uhr: die Glocken bimmeln extra, zum aufwachen (für die Mönche).
09:30: ich habe Glück und erwische die Byzantinische Liturgie (nur jeden 2. Sonntag, manchmal fällt sie aus). Was das genau ist weiß ich nicht, also schaue ich hin.
Die orthodoxe Kapelle ist duster, nur von Kerzen erleuchtet. Der Pfarrer steht in der Wand aus Ikonen (Ikonostase), mit dem Rücken zum Volk, singt die Liturgie. Ein 10-köpfiger Chor (2 Mönche, 8 Laien, Frauen und Männer) antwortet und singt kumuliert ca. 1h - ihnen gebührt meine Hochachtung.
„Das Volk“ steht die meiste Zeit, verneigt sich ab und an. Ich brauche nicht zu singen, nichts zu sagen, nicht zu knien. Der Chor macht das alles. Eigentlich stehe ich nur da und träume vor mich hin.
Andere gehen auf eine der beiden aufgestellten Ikonen zu, berühren sie mit ihrem Gesicht, zünden eine Kerze an und suchen einen freien Steckplatz auf einem der verteilt stehenden Platten. So manches Gesicht bzw. Gewand sieht mir mehr griechisch oder osteuropäisch denn bayrisch aus. Ich bin mittendrin und fühle mich wohl. Nach 1,5h ist Schluss (hätte ich das vorher gewusst, hätte ich nochmals überlegt).

So viel Kontemplation strengt ganz schön an, ich lege mich erstmal hin. Den Nachmittag habe ich „zur freien Verfügung“.

An der schönen blauen Donau:
Eine Pendelfähre setzt über, stampft ganz schön gegen die Strömung an. Viele Radfahrer kommen herüber. Ein paar Wohnmobile stehen im Grünen, Einheimische spazieren auf dem Damm.


Um 17:30 besuche ich die Vesper in der Basilika, das Abendgebet. Wieder wechselseitige Gesänge, eine Ministrantin mit Rauchfass, ein knappes Dutzend Besucher.


Montag
05:00: Fünf-Uhr-Glockenläuten
05:02: Glocken bimmeln zum wecken, der Tag beginnt. Ich dusche und konsultiere den Kaffeeautomat.
05:30: Morgenhore. Wieder wechselseitiger Gesang der Brüder – einer singt vor, die Gruppe antwortet. Insg. dauert sie (montags) 1h und ist ein kompletter Gottesdienst. Hätte ich das gewusst, wäre ich wohl nicht hin. Zum Friedensgruß kommt ein Bruder indischer Herkunft auf mich zu und schüttelt mir die Hand.

Zum Frühstück kann ich mir eine Frage an den Urlaubs-Benediktiner nicht verkneifen. Was mache ich gegen Läuse auf meinen Kräutern am Balkon? Gibt es uralte Klosterrezepte? Die überraschende Antwort: Kräuter machen viel Arbeit und bringen wenig Geld. Sprich: Klöster machen das nicht mehr.
Jetzt verstehe ich auch, warum es in Klosterläden (wie auch hier) immer Likör zu kaufen gibt. Es geht einfach, bringt gute Marge und ist lange haltbar (mit Bier wäre es schon schwieriger).

STRAUBING
Den Zivilisationsschock gebe ich mir im nahen Straubing, dem letzten Punkt meines Ausflugs. Es ist nicht mehr so tiefenentspannt, aber die Stadtluft inspiriert mich.
Letzte Besichtigung:

St. Peter
Romanische Kirche mit Doppelturmfassade, alter Friedhof, Agnes-Bernauer-Kapelle und Totentanzkapelle.
Ab dem 9. Jh. wird hier eine Kirche vermutet, der heutige Bau entstand nach dem Jahr 1000. Nach Barockisierung wurde er im 19. und im 20. Jh. re-romanisiert.

Totentanzkapelle (auf dem Gelände)

Totentänze gibt es mehrere in Europa (v.a. in Frankreich), in Bayern eher selten. Leider ist die Kapelle gesperrt (wg. Fällen von Vandalismus). Aber ich war bemüht (und knipse durch das Gitter).
Der Sensenmann tanzt mit Reich und Arm, Vornehmen und Schäbigen, Leuten die sich für wichtig halten – ohne Unterschied.


Praktische Info für Besucher: zum Krankenhaus fahren, daneben steht dieses Ensemble.
Nicht im Internet nach St. Peter suchen - das ist die heutige Pfarrkirche, 10-15 Min. Fußmarsch entfernt und um ein paar Ecken (das weiß ich, weil ich‘s falsch gemacht habe).

Straubing an sich ist eine schöne alte Stadt, gut zum bummeln und verweilen. Ich schlendere über den Stadtplatz und setze mich ins Café Krönner, ein schönes, altes Kaffeehaus (seit 1903 in der Stadt).
Das Klosterbier finde ich übrigens in einem großen Getränkemarkt am Rande der Stadt, wo ich für daheim ein paar regionale Spezialitäten mitnehme. So endet mein kleiner Ausflug, ein wenig in die Region, weit in der Zeit.

 

Nachklang
Ich bin tiefenentspannt, habe ganz viel vergessen und viele Alltagssorgen sind mir unwichtig geworden. Das ist zwar nichts Neues, aber in diesen 1,75 Tagen habe ich mich wieder auf dieses Niveau hin entschleunigt – erstaunlich schnell.


Kloster und Mönchtum
Mein ganz persönliches Fazit:
Dieses Leben erfordert Entschlossenheit, Einsatz und Durchhaltevermögen. Ich habe großen Respekt vor jedem der dieses Leben führt.
Wie gesagt: ich habe die öffentlichen Andachten auf Tage verteilt mitgemacht – und fand das schon anstrengend.

Kirche und Klosterwelt ziehen auch Leute an, die nicht wissen was sie wollen. Aber ein Klosterleben – das muss man wollen.

Das Mönchtum an sich geht zurück bis mind. ins 3. Jh. Eremiten haben sich in die (ägyptische) Wüste zurückgezogen. Später bildeten sich Bruderschaften, die in Abwesenheit der Zivilisation Gott finden wollten bzw. auf sich selbst zurückgeworfen waren. Mangels Wüste hatten sie sich in unseren Breiten in abgelegenes Land zurückgezogen. Das Kloster soll die Wüste als kontemplativen Ort ersetzen.
Riten und Gesänge folgen uralten Vorlagen. Heißt: ich kann gaaanz weit in der Zeit zurückblicken, wenn ich ein Kloster besuche. Ich mag das. Und ich bekomme allmählich ein Gefühl dafür, welchen Beitrag sie zur abendländischen Geschichte leisteten. In finsteren Zeiten, aus Kriegen, Missernten und daraus folgend noch mehr Kriegen, Verwüstungen, Misshandlungen, Unterdrückungen etc., versuchten Klöster sich abzuschotten, um danach geistliches und geistiges Leben zurückzubringen.

Haben sich Klöster heute nicht überlebt? Sie kämpfen ums Überleben und finden schwer Nachwuchs ... Gute Frage also.

Sind wir heute nicht besser als unsere Vorfahren?
Wenn wir nicht aufpassen, Wirtschaft und Profit unsere Menschlichkeit bzw. Mitmenschlichkeit opfern, droht uns eine neue Zeit der „Barbarei“. Wer kann uns dann retten bzw. re-sozialisieren?