Finnland, Juni 2017
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht
Oder: Über den Polarkreis und wieder zurück, durch Ost und West.
Oder: auf der Reise finden wir Glücksmomente und auch manches Unheimliche

Helsinki, Anfang Mai: nachts -4°C
Rovaniemi, Mitte Mai: nachts -4°C
Rovaniemi, Ende Mai: nachts -2°C, tags Plusgrade
Rovaniemi, Anfang Juni: tags u-n-d nachts Plusgrade
Wir kommen

Schön glitzert die Ostsee mit vielen Schären vor der Küste. Das Festland ist voller Wald, darin stehen einzelne Holzhäuser verstreut. Der Wind von der See bläst frisch, immer wieder schüttelt es uns durch. Das Land ist flach (Eiszeit formte dieses Land), Wind, aus jeder Richtung, wird kaum gebremst.
Viele Japaner sind an Bord (Japan Airlines, als Partner von Finnair, fliegt in nur 10h nach Japan (statt 12 wie nach London, Paris oder Amsterdam). Das Verkaufsgespräch für den vorbestellten Mietwagen ist so ruhig und einfach wie noch nie. Wir fahren gleich in die Stadt.

Finnland liegt zwischen Schweden und Russland, in jeder Hinsicht: geografisch, als Zeitzone (MEZ +1h), kulturell. Das Land ist fast durchgehend zweisprachig: finnisch und schwedisch (Letzteres vereinfacht uns vieles).

Pfingstsonntag in Helsinki: überall hängen Fahnen.
Die Straßenreinigung schafft den Dreck der Nacht weg, 2 Polizeiautos düsen mit Blaulicht um die Ecke. Nach und nach werden Straßen gesperrt, später marschiert die Armee vorbei. 100 Jahre Unabhängigkeit (erst von Schweden, dann von Russland) sind Grund genug. Soldaten in voller Ausstattung stehen für Fotos bereit (zum kuscheln und liebhaben?). Das finden wir ein bisschen unheimlich.

    Moomin-Café: im Kaufhaus Stockmann, auch sonntags geöffnet, gibt es am Gang ein kleines Café, thematisch den finn. Comic-Trollen und ihren Abenteuern gewidmet. Wir sind die einzigen Gäste. Die Werbe-Durchsagen im Kaufhaus sind mehrsprachig, sogar chinesisch. Das Kaufhaus ist übrigens nach seinem Gründer aus Lübeck benannt. Wir sind an der Ostsee, dem Kerngebiet der alten Hanse. Die Fähre nach Tallinn (Estland), gleich über die Bucht rüber, geht regelmäßig. Der Wind bläst leicht aber stetig (ein echter Unterschied zu unseren bisherigen Reisen an den Atlantik).
    Der Moomin-Shop ist im FORUM, einer Shopping-Mall (sonntags geöffnet). Ein kleiner Laden mit Souvenirs, von vielen Asiaten aufgesucht. Die „Unsympathen“ der Moomin-Welt gibt es groß auf Handtuch, die Szene mit dem näherkommenden Kometen auf Kuchenteller. Das finden wir ein bisschen unheimlich.

Im Kaufhaus Stockmann

 

Im Radio ist was geboten: Radio Rock sendet Hardrock, Suomirock normale Rockmusik, Bassradio 102,4 Techno-Trance im Goa-Style, Radio Sputnik russische Musik.
Dagegen kann die marketingkonforme dt. Radiolandschaft echt einpacken.

In Helsinki wechseln neue Gebäude mit Ost-Fassaden, Jugendstil mit Plattenbauten. Straßennamen sind auf kleinen Schildern, Wegweiser rar gesät. Mehr nach Gefühl als Plan finden wir raus, fahren 2h auf ziemlich leerer Autobahn (mautfrei) durch Wälder, sanfte Hügel und Tunnels nach Turku. Die Tour beginnt.

Turku / Åbo
viel Beton (1941 stark zerstört). Ähnliches Bild wie Helsinki: viele Raucher, viele Asiaten, viele Burgerbuden, öfter mal „American Bar“, „American Burger“, Männer mit Stars`n`Stripes T-Shirt, Dodge & Chrysler-Autos. Das Leben spielt sich in der Mall ab.
Die Burg (der alten Schweden) ist Touristenmagnet, Chinesen und Koreaner kommen vorbei.

Wir übernachten auf der BORE, einem alten Frachtschiff. 1960 in Dienst gestellt, verband der Schnelldampfer Stockholm mit Turku, Der Stolz war der große Laderaum, in dem mehrere LKW Platz fanden. Im Winter bahnte sie sich ihren Weg durch das Packeis (machen die Fähren bis heute). Heute ein Hostel, die Kabinen sind nur wenig modernisiert, alles versprüht den Charme der 1960er. Für uns ein Spaß und Nostalgie ( https://wortlaterne.jimdo.com/reiseberichte/norwegen-2016/ ). Aber eng, kühl und dunkel – was so toll an einer Kreuzfahrt sein soll erschließt sich uns nicht.
TIP: Koffer im Auto lassen, nur leichtes Gepäck mitnehmen (die Kabinen sind eng).

Im Schärengarten
östlich von Turku, etwa bei Kariina auf die 180, über 2 Brücken auf die Inselwelt. Vor Prostvik mit der Pendelfähre übersetzen. Diese ist gratis, da sie als Teil der öffentlichen Straße zählt. Schären sind kleine, felsige Inseln mit Wald darauf. Sie ziehen sich, mehr oder weniger dicht, über die Åland-Inseln nach Stockholm (Schweden ist nicht mehr so weit). Die Straße ist, wie erwähnt, Teil der Infrastruktur. Sie verbindet Inseln und Orte, kümmert sich wenig um verzückte Touristen.
Die Schilder sind meist zuerst schwedisch, teilweise ausschließlich. Wir sind also in einer anderen Ecke Finnlands, im überwiegend schedischsprachigen Teil.

Die Dorfkirche in Nagu fasziniert mich. Sie ist ein Mix aus gotischen Streben, bunt angemalt, diversen Ausbauten, bunten Holzbänken. Das Segelschiffmodell an der Decke darf nicht fehlen. Die Broschüre erklärt es mir: nach Errettung aus Seenot stiftet der Gerettete zum Dank ein Modell.
Im 13. Jh. kamen die Dänen, besiedelten die Schären, später gehörten sie zu Schweden. Die Namen auf den Grabsteinen um die Kirche sind überwiegend schwedisch.


Rauhala (Turku)
Sehr schönes Zimmer in sehr schönem alten Holzhaus. Wir probieren die ins Bad eingebaute Sauna.
Der Glücksmoment:
Abends um 21:00, unten am See: schönes Licht liegt auf ruhigem Land. Erste Mücken schwirren herum, die Schwalben fliegen tief. Es dauert ein paar Minuten bis sie sich an uns gewöhnen, dann sausen die Vögel nur noch 1-2 m entfernt über und an uns vorbei.
    Um 22:00 ist es immer noch hell, denn dunkel wird es die ganze Zeit nicht.
03:00: Sonnenuntergangsstimmung, Sonne glitzert auf dem Wasser.
Vormittags: ein Reh mit 2 Kitzen, ca. 200 m vor unserem Haus.

 

Warum so viele Asiaten kommen? Und sich Burgen etc. anschauen? (Bei „Burgen in Europa“ denke ich zuerst an andere Länder). Moomins locken Japaner an. Die Flugverbindung bietet einen Stopover an. Was fällt uns sonst ein? Finnland hat ein gutes Marketing. Land der tausend Seen. Einsame Plätze, mit Ruhe und Natur. Sauberer Fisch aus sauberem Wasser, sauberes Wild aus sauberen Wäldern ... (dass die radioaktive Wolke von Tschernobyl über Finnland zog, und Belastung (wie auch Grenzwerte) bis heute höher liegen, verschweigen wir besser).

Preise im Supermarkt:
Brot 2-3 EUR, Käse 3,50-6,50 EUR, Gurke (einheimisch) 0,50-2,0 EUR, Dose Bier (0,5L) 3,20 - 5 EUR, Packung Nudeln (Billigmarke) 1 EUR.
Würstchen: 3 EUR aufwärts, Lachs & Co.: so um die 10-20 EUR.
Wein + Schnaps: nicht im Supermarkt erhältlich, sondern bei ALKO.
Wein: 6,50 EUR aufwärts, Flasche Wodka: 20-30 EUR.

Unsere Folgerung: Futter in den Koffer, bis ans Höchstgewicht (Finnair 23 kg).
Viele Häuser bieten Küche. Wir haben jede genutzt und nach Möglichkeit vorgekocht.

Bier in der Kneipe (c/o Rotterdam Bier-Huis, Helsinki): 7-10 EUR

Im Buchladen: die Abteilung „Fiction“ war komplett englisch (ohne weiteren Hinweis darauf). Unter den ausgestellten Top 10 war 1 englisches Buch. Warum übersetzen, wenn eh jeder englisch kann? Außerdem gab es (in Turku) schwedische Bücher, ebenfalls im Original (also nicht übersetzt).

RAUMA
Die Altstadt ist das größte Ensemble alter Holzhäuser in Skandinavien (der große Brand fehlte hier). Weitläufig ziehen sich Gassen mit bunten, flachen Häusern.
Kiche des Heiligen Kreuzes: um 1450 gegründet, der Altarraum ist in gotischen Motiven vollständig ausgemalt und schön bunt; die Empore mit barocken Tafeln verziert; eine alte Frau sitzt und schaut ins Buch (für immer, sie ist eine Holzfigur).

 

YTERI - schöner Strand an der Ostsee.
Der Glücksmoment:
Völlig unvorbereitet gehe ich mit den Füßen ins Wasser. Wellchen schwappen, Sonne glitzert auf dem Wasser, ich bin ein kleiner Teil davon und vergesse den Rest.
Ab 19:00 kommt etwas Leben. Familien kommen an den Strand, planschen, stehen herum, die Bikini-Bar wird nach dem Winter inspiziert, das Volleyballnetz wird aufgezogen. Im Wasser sind nur Kinder (die sind unempfindlich).
5 Singschwäne flattern über uns hinweg, wir hören ihre Schwingen rauschen.

Stundenlang geht es durch den Wald. Viele Bäume (v.a. Birken), wenig Verkehr. Dazwischen Landwirtschaft. Mal eben rechts ranfahren: ist in Finnland eine schlechte Idee – es geht abwärts. Landstraßen sind fast immer erhöht („Highway“).
An der Straße stehen immer wieder Briefkästen, alle auf einem Fleck, die Häuser stehen abseits.
Bei Vasa und Jakobstad heißt es „Hej hej“ (hallo) und „takk“ (danke). An der Westküste leben die Schweden.
Wir kommen nach Jakobstad / Pietersaari (einer Hochburg der „Swedishness“). Eine Lok mit 25 leeren Waggons für Holz fährt vorbei.

FÄBODA
Das Nanoq-Museum (10 € p.P.) ist eine kuriose und bemerkenswerte Sammlung aus Fotos und Artefakten diverser Polarexpeditionen. Ost und West sind gleichmäßig vertreten, Finnland war ja neutral und zwischen den Welten. Und wieder mal: der Mensch macht alles bis ins Extrem, bevor die Zeit reif ist. Soll heißen: Expeditionen ins ewige Eis mit Segelschiff und Sextant ist wirklich gewagt – 100 Jahre später wäre die Technik reif dafür gewesen ... Mein Favorit: gestochen scharfe Fotos einer Expedition ins nördliche Sibirien, beim heutigen Nor‘ilsk, um 1912. Mit einem Dampfer (echter Kohlerauch) den Fluss hoch. Die Eingeborenen tragen Textilklamotten – sind sie noch unberührt von der weißen Kultur? Finnland gehörte damals zu Russland, der Zugang zur Region war problemlos möglich.
Im Museumsgebäude läuft „sphärische“ Musik (eher minimalistisch esoterisch) – das finden wir ein bisschen unheimlich.
Mit auf dem Gelände: ein Ensemble alter Häuser, abgetragen, gerettet und hier wieder aufgebaut.

Fäboda Strand (bei der Kaffeebar)
Schöner Strand, mit Felsformation („Schärengarten“) und Sandstrand. Kalt schwappt die See, ich stehe auf steinigem Grund.
Eine Seeschwalbe fliegt auf und ab, visiert etwas, stürzt ins Wasser, flattert leer wieder auf, orientiert sich neu, stürzt wieder hinab, taucht mit Fisch im Schnabel wieder auf.
    Wir fahren. Der Parkplatz ist voll geworden, der Strand leer, die Kaffeebar muss etwas Magisches bieten.
Im Hotel kochen wir. Draußen rattert es. Der Güterzug von heute Früh/Vormittag kommt vorbei, mit 25 Waggons voll Holz.

Einkaufen im Riesensupermarkt (Prisma)
Vor dem Markt stehen 8 Glücksspielautomaten, 3-4 werden bespielt. Rückgabe der Pfanddosen bei „Flaskereturnering“.
3-4 Meter Regal sind für Saunazubehör: Birkenzweige, Schöpfkellen, Sitztücher usw.
Bei den Zeitschriften: die Flow (Kreativmagazin) auf englisch (20,40 €), und die FIA-Zeitung (russisch).

FINNEN
Gelten als schweigsam und melancholisch, werden oft mit Portugiesen verglichen. Kein alternatives Musikmagazin, wo sich Redakteure im Jahresrückblick freuen, wenn alle Interviews mit finnischen Bands gut abliefen.
Was ist da los?
Mein Eindruck: Finnen sind sehr freundliche und positive Menschen. Wenn man Gast oder Kunde ist, kommen sie auf einen zu und helfen gerne.
Aber wir Südeuropäer neigen dazu sie totzureden. Dann schalten sie ab und sagen nicht mehr viel. Was wir wiederum als melancholisch empfinden. Dabei ist es einfach ein Overflow (so gehts mir in Deutschland oft).
Und ganz ehrlich – ein Satz wie: „Na, das Wetter heute ist wieder echt zum kotzen – mir reichts langsam!“, ist keine Frage. Er ist weder offen noch ergebnisneutral, und mein Gegenüber muss lautstark einsteigen um mithalten zu können. Klar dass hier kein Finne mithalten kann (ich übrigens auch nicht).


Die Landstraße ist gesäumt von Blitzkisten, selbst mitten im Wald stehen sie. So viele wie hier haben wir noch nie gesehen.
Die Nuancen: die roten tiptop-gepflegten Holzhäuser sind nicht mehr nur rot, daneben wird Holz gesägt und gehackt, ab und an hat ein Haus Schrammen. Schilder und Ortsnamen klingen nicht mehr schwedisch, sondern finnisch. Hier heißt es auch „moj“ (hallo) und „kiitos“ (danke). Wir sind woanders.

RAAHE
ist eine kleine Stadt mit netten Holzhäusern. Am (nahen) Stadtrand (500 m weiter) sehen wir eine gerade Zeile aus Birken, Straße, Wiese, kleinen Plattenbauten – und fühlen uns wie im Osten.
Es geht nach Norden, weit nach Norden.
Im Wald wird es nun sumpfiger. Nach Oulu fehlen die Blitzkisten. Immer wieder wird der Wald von offenen Flächen unterbrochen, mit braunen Mooswiesen, teilweise mit Wasserflächen – es wird sumpfig. Neben der Straße grasen die ersten Rentiere – eine Mama mit 2 Babies.
Bis Tagesende sind es 10. So nah, wir können ihre Fellfarben studieren (=Glücksmoment des Tages).
Glücksmoment 2 (ganz persönlich): das Geld liegt auf der Straße. Nicht so direkt, aber 4 Pfanddosen. Da ich Tankhandschuhe und genug Tüten mithabe = 0,60€ für mich.
(Das reicht fast für ein leeres Schulheft, um die nächsten Werke zu verfassen :-) )

LAPPLAND
Die Bäume hier oben sind weit weniger weit in ihrer Blüte, zwei sogar noch völlig kahl. Wir sind weit nach Norden gekommen, ca. 100 km unterm Polarkreis. Immer mehr Autos haben Zusatzscheinwerfer vorne dran.


Ranua Gasthaus (das heißt wirklich so): bis spätabends sitzen wir am See, in der Sonne, genießen die Ruhe. Ein Singschwan fliegt vorüber, mit seinen typischen Trötlauten im Flug. Ein Biber schwimmt im See, verschwindet im Gestrüpp ufernaher Bäume. Noch lange sitzen wir in der Sonne (bis ca. 22:00)

Bild unten: ca. 03:00 nachts - dunkler wirds nicht


RANUA, im Zoo:
schöner „Wildpark“ (17,-p.P.), schöne „Sammlung“ subarktischer Tiere, in weitläufigem Waldgebiet. Das lernen und beobachten wir:
- Der Singschwan, Nationalvogel, wäre in den 1940ern fast ausgestorben (40er: 15 Paare/heute: ca. 300)
- Höckerschwan: ist in den 1930ern zugewandert
- Die Raben: machen Gluckslaute. Äffen sie einen Auerhahn nach, oder balzen sie?
- Weißwedelhirsch (aus Nordamerika eingeschleppt): das Baby steht noch auf wackligen Beinen, legt sich lieber erstmal hin.
- Vom Baum klingt es wie ein Frosch – wieder sind es die Raben. Äffen sie die Frösche nach, oder ist es ihre interne Sprache? Dazwischen krächzen sie laut. Dann ruft einer von ihnen wie eine wilde Katze. Miteinander reden sie wohl anders als nach „außen“? Hm.
- Mein Glücksmoment: Schnee angefasst (im Juni!)
- Eisfuchs: ist im Winter weiß, im Sommer braun. Die beiden hier sind noch weiß.
- Eule = öllö / Tuntunpöllö = Schneeeule
- an den Schildern hängt je ein Eiskratzer (um auch bei Eis lesen zu können)
- im Fazer-Café: ich nehme vom Dark-Roast-Kaffee (volle Kanne). Der Light-Roast hingegen ist schon halb leer.

l.o.: Eiskratzer am Schild (die Winter sind kalt und eisig)

l.u.: Weißwedelhirsche. Das Junge ist erst wenige Tage alt


ROVANIEMI
ist eine richtige Stadt (60.000 Ew.), Riesen-Supermarkt, 26°C, höchster Sommer nahe am Polarkreis

Finnen vs. Amerikaner
uns fallen viele Gemeinsamkeiten auf. Wer hat was von wem?
- sind gerne mal „kräftig“ (viel Zucker, viel Fettiges)
- Beliebtes Essen: Burger, Pizza.
- der Kaffee ist dünn
- Kleidung: nachlässig (Jogginganzug etc.)
- Ampeln: stehen auch hinter der Straße (damit man sich nicht so verrenken muss)
- Postkästen: stehen an der Landstraße, da die Häuser so weit hinter der Straße sind
- Glücksspiel ist eine tolle Sache. In Finnland stehen sie vor jedem Supermarkt, in jeder Tankstelle und werden gern genutzt


Am Polarkreis  66°33‘, an der E75, 5 km hinter Rovaniemi
Santa Claus Village ist ein riesiges Areal, inkl. Hotel, Ferienhütten, Großparkplatz. Das Ganze wird noch kräftig ausgebaut, für noch mehr Touristen (die Besucherzahl Lapplands hat sich in wenigen Jahren ohnehin verdoppelt).
In einem langen Gebäude geht es -überdacht- von einem Shop in den nächsten (der Winter ist sehr kalt); dazwischen Kaffeebar inkl. Burgerbutze.
Am Informations-Schalter gibt es das Polar-Zertifikat (4,50 €) und/oder einen Stempel für den Ausweis (0,50 €).
Im Postamt kann man Post aufgeben, die kurz vor Weihnachten mit dem Sonderstempel verschickt wird. (Noch nie hatten so viele Leute Lust Postkarten zu schreiben = gelungenes Marketing).
Wir besuchen den Weihnachtsmann, um mal Hallo zu sagen (gratis). Der Weg zu ihm führt durch ein kleines Disneyland. Die Musik hat was: dumpfe Glockenklänge mit Rhythmus unterlegt. Ich hätte nie gedacht dass er so cool ist. Mit düsteren Keyboardteppichen unterlegt wäre es Dark-Electro, mit Stromgitarrenriffs eher Black Metal. Ohne Warteschlange kommen wir an.
Ein älterer, freundlicher Herr empfängt uns, er spricht sogar deutsch, und das gut. Wir plaudern ein wenig, er bewundert unsere lustigen Shirts. Das Frühjahr war zu kalt, bis Ende Mai was das Wetter schlecht.
Sie sprechen deutsch? Ja, wir Finnen sind ein kleines Volk, da muss man Sprachen können ... Vielleicht ist er froh frei von allen Klischees reden zu können? Ich bin froh dass er so locker ist und kann jetzt besser mit Weihnachten umgehen.
Der Weihnachtswichtel hat natürlich Fotos von uns gemacht. Zu jetzt-oder-nie Preisen können wir erstehen: 5 Postkarten von 1 Motiv (30€); 1 Foto-Ausdruck (35€); Digitales Komplettpaket inkl. Videoaufzeichnung unseres Plausches (40€). Letzteres finde ich ein wenig unheimlich. Wir entscheiden uns den Moment im Herzen zu tragen (und das Geld zu sparen).


Arktis-Safari
Die Arktis beginnt hier. Bei Kemijärvi biegen wir hoch, fahren zum Pyhä (540m), einer der wenigen Berge. Schneeflecken liegen noch, für den Winter gibt es einen Skilift. Ich trinke Kaffee im schönen SB-Restaurant und bestaune die Hochglanz-Marketing-Broschüren. Der Saft für Kinder (im Tetrapak) heißt übrigens „Trip“, das finden wir ein wenig unheimlich.

Auf dem Weg halten wir oft. Rentiere grasen, ein Fischadler startet mit Fisch in den Klauen, überall gibt es schöne Blicke auf Flüsse und Seen.
Über Saunavaara (heißt wirklich so) fahren wir zurück, bei 24°C (Höchstwert waren 28°C plus), Russland ist nur noch 50 km entfernt.
Auf der Straße sind immer wieder russische Autos unterwegs. Vor dem K-Markt in Rovaniemi parken mehrere, an unserer Absteige sind aussser uns nur Russen.
Auf dem Fluss, direkt hinterm Haus, startet eine Dash-2 (Beaver), ein Propellerflugzeug mit 2 Schwimmern – das typische „Busch-Taxi“. Das Wildnis-Feeling ist perfekt.


Statistik: 47 Rentiere

Wir fahren wieder nach Süden.

KARELIEN
Der waldreiche Osten Finnlands. Flechten überziehen Fels, Büsche und Moose am Boden, viele Birken, viel Wald, gute Luft.
Trucks mit Elchgitter vorne drauf und 1-2 Anhängern voll Holz sind auf den Landstraßen unterwegs. Traditionell sind die Karelier orthodox. Der östliche Teil Kareliens gehört heute zu Russland.
Im Mökki (in der Hütte)
Am Ende der Stichstraße kommt Schotterpiste, am Ende der Piste ein Hof. Vater und Sohn können nur wenig englisch, fahren uns voraus. Direkt am See steht die Hütte. Kein Mensch sonst weit und breit.
Der gefühlte Geräuschpegel liegt bei 3 dB. Vögel zwitschern, Wasser plätschert ans Boot, Mücken surren. Nach der Sauna (ins Bad eingebaut): der Glücksmoment. Um 22:00 taucht die Sonne unter die Wolken. Wir gehen raus, genießen das fantastische Licht und die sagenhafte Ruhe.

 

Kloster Valama  (zw. Joensuu und Kuopio)
Zwei Mönche steigen in einen Kombi mit russ. Kennzeichen. Orthodoxer Kulturaustausch? Ein Tourist trägt eine Jacke in weiß-rot-blau und der Aufschrift „Russia“.
Das neugebaute Kloster überrascht uns mit seinen reich detaillierten Kunstschätzen. Alle sind freundlich und entspannt. Im Souvenirshop staunen wir weiter über den Detailreichtum.

 

KUOPIO
Orthodoxes Kirchenmuseum
Immer wieder haben sich moderne Gemälde zwischen den Ikonen versteckt. Das peppt den Besuch auf.
Schöne Sammlung an Ikonen und liturgischen Gegenständen.
Typisch orthodox ist: Askese, Klostergemeinschaft, Eremit (<- mit Ursprung Ägypten). Riza = metall. Abdeckung zum Schutz einer Ikone, monumental verziert, lässt i.d.R. nur die Köpfe der Figuren sehen.


MoominCafe: im Carlson-Kaufhaus, 1. Stock. Famous Pancakes.

Die Seenplatte
Pärjanten NP (nördl. von Lahti)
Abfließendes Schmelzwasser ließ 2 Seen und eine Landnadel dazwischen entstehen, was heute ein großer See mit vielen Inseln ist. Per Boot geht es übrigens von Lahti hoch nach Jyväskylä. Eiszeit formte dieses Land.
Der Glücksmoment: 2 Haubentaucher schwimmen vorbei; halten ihr Gesicht unter Wasser (nur der Püschel schaut raus), um sich nach Nahrung umzusehen; strecken den Kopf wieder hoch um Luft zu holen. Vor uns tauchen sie ab.

 

Glücksmoment 2: an der Kreuzung der Straßen 10 und 12 ist ein Riesen-Einkaufszentrum mit 2 Tankstellen. Neben dem Parkplatz stehen 2 ausrangierte Düsenjäger der finn. Luftwaffe: eine Saab Draken (schwedisch) und eine MiG-21 (sowjetisch). Als Zeichen der Neutralität hatte Finnland seine Flugzeuge aus Ost und West bezogen. Außerdem viele Hot-Rods und Oldtimer auf dem Parkplatz (wir haben hier schon weit mehr solcher heißer Kisten gesehen als bei uns).

Links die MiG-21,

rechts die Saab Draken.

Im rechten Bild noch eine Nahaufnahme der MiG-21, für alle Fans (wie mich). In Russland kann man in einer Flugschul-Maschine mitfliegen. Ich würde sofort einsteigen, muss aber erst noch kräftig sparen oder Tantiemen einnehmen ...

 

Kioski:
gibt es an vielen Parkplätzen. Ein Hüttchen für Getränke & Snacks, 2-3 Plätze davor, fertig. Ihr Geheimrezept? Z.B.: „Kaffe + Dose = 2,50 EUR“. Ist ein Top-Preis, mit Sitzplatz im Grünen. Die Finnen lieben sie. (Außer in Russland hatten wir solche Hüttchen nirgends mehr gesehen).

TAMPERE
Industriestadt und zweitgrößte Stadt des Landes. Großgeworden im 19. Jh. durch Textilindustrie. Vieles erinnert noch daran: der Schornstein im Hof eines Firmengebäudes, die Backsteingebäude neben den modernen Hochhäusern, der Beton-Uhrturm des Bahnhofs.
Außerdem: Orthodoxe Kirche im russ. Stil.
Jugendstil-Dom, 1902-07 erbaut, da die schnellwachsende Stadt Bedarf hatte. Im Stil der Zeit gebaut = Jugendstil (finn.: Jugend).
(Wer so etwas bei uns sehen will: in Augsburg Pfersee gibt es eine Jugendstilkirche)

Tampere. Die unteren 3 Fotos sind aus dem Inneren des Doms (und ein wenig unheimlich, wie ich finde)


Moomin-Museum
Das erste und einzige der Welt, eröffnet h-e-u-t-e (17.06.2017) um 11:00, wir sind dabei. Das Fernsehen ist da (interessiert sich aber nicht für uns, mehr für süße Kinder).
Viele Original-Zeichnungen von Tove Janson. Sie sind überraschend klein und fein gezeichnet – nur mit Strichen arrangiert sie Flächen und Effekte.
Ein paar Special-Effects sind zur Attraktion eingebaut. Z.B. ein Tunnel mit Scheinwerfer und Kamera. Der Kopf des Besuchers wird gefilmt, projiziert und mit Effekten versehen: Flügelohren, Hörnern, oder einer Blume die aus ihm wächst. Letzteres finde ich ein wenig unheimlich.

Es ist Wochenende und Sommer. Vor dem Museum, im Park, liegen schon Bikini-Mädels. Die Kneipengärten sind mittags gefüllt.
Im Radio ist die Saure-Gurken-Zeit vorbei, der Endless-Summer-Mix läuft, bis wir das Sendegebiet verlassen.

Der Glücksmoment:
Am letzten Abend gehen wir zum ersten Mal essen.
In Heinola: KUSMIKU (Street-Food & Bar). Der Cheeseburger kommt ohne Fleisch, mit einem dicken Stück Ziegenkäse drin – sehr lecker. Der Laden brummt, die Dachterrasse ist voll, Sonnenschein und 25°C – perfekter Sommer. Kaum einer ist ohne alkoholhaltigem Kaltgetränk, es ist Wochenende.
Das freundliche Mädel fragt uns noch woher wir kommen und freut sich. Wir sind die weitestgereisten Gäste. Das Lokal hat am Donnerstag eröffnet (vor 3 Tagen), und schon kommen so weitgereiste Gäste (also fast unsere zweite Eröffnung heute).

Wehmütig sitzen wir auf dem Balkon und schreiben Reiseberichte. Es war eine schöne, friedliche und überwiegend ruhige Zeit, mit viel Erholung und Entschleunigung.
Kiitos - danke.
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht, e viva Finlandia.

 

ANHANG:

links: Stillleben

Mitte: finnisches Bier in seiner natürlichen Umgebung

rechts: Street-Art (arrangiert von mir)

 

 

 

Meine Souvenirs:

- Buch: Charles Dickens "A Christmas Carol" (englisch). Gab es öfters, auf englisch, ist eine Bildungslücke für mich. Weihnachten ist wohl ein wichtiges Thema in Finnland (?)

- eine Dose VORSCHMACK. Das ist jüdisch-osteuropäisch (Ostseeraum). Muss ich noch probieren. Ist in etwa ein Brei aus Rind, Hammel, Hering, Tomate. (Wohl ähnlich einem Labskaus oder Saumagen)